Interview

Kathrin Röggla im Gespräch

Die Schriftstellerin und Vizechefin der Akademie der Künste Kathrin Röggla über den Trump-Realitätsschock, neoliberale Logik und die System­frage in ihrem neuen Buch „Nachtsendung“

Foto: Karsten Thielker

Foto: Karsten Thielker

tip Frau Röggla, Donald Trump regiert demnächst in den USA, Angela Merkel kandidiert erneut und in Berlin führt bald die erste rot-rot-grüne Koalition die Geschäfte. Was geht in einer politischen Autorin wie Ihnen in diesen turbulenten Zeiten vor?
Kathrin Röggla Trump war ein Realitätsschock. Für uns Künstler stellt sich die Frage, ob wir in einem post-aufklärerischen Zeitalter angekommen sind. Und wenn ja, was heißt das und dürfen wir das akzeptieren? Ich sage natürlich ganz klar, „Nein, das dürfen wir nicht!“

tip Was hat die Kunst dem entgegenzusetzen?
Kathrin Röggla Wir müssen die Geisteshaltung, die da entstanden ist, ernster nehmen, als wir es bisher getan haben. Zumindest gilt das für mich. Ich merke, dass ich von Parametern ausgegangen bin, die gar nicht mehr existieren. Ich muss mich viel stärker mit den negativen Reaktionsmustern der Menschen auseinandersetzen. Zugleich ist mir etwas eingefallen, was auch helfen könnte: Komik und Witz, das hat erstaunliches Potenzial.

tip Sie schreiben Prosa und fürs Theater, halten Vorträge, sind Vize-Präsidentin der Akademie der Künste. Wie kriegen Sie all das nebst Familienleben unter einen Hut?
Kathrin Röggla Das entspricht meiner Art zu arbeiten. Ich bin keine Schriftstellerin, die vorrangig im stillen Kämmerlein über ihren Texten brütet. Ich brauche vor allem die Auseinandersetzung, den Dialog. Das Interdisziplinäre an der Akademie entspricht mir extrem, das ist meine Arbeitsform.

tip In Ihren „Unheimlichen Geschichten“ spielen sie mit Katastrophenszenarien. Wie tief in der Krise ist die Gesellschaft, in der die Schriftstellerin Kathrin Röggla lebt?
Kathrin Röggla Mein Erzählungsband zeigt einen allgemeinen Orientierungsverlust an, der immer zum Unheimlichen führt, aber auch, dass viele Modelle in die Krise geraten sind. Immer mehr Menschen pflegen ihre persönlichen Untergangsvisionen. Es ist nicht zufällig, dass es im Buch zentral um den heute etwas vage definierten Mittelstand geht. Er ist stark unter Druck geraten. Das Bürgertum hat eine lange Geschichte und ist nun, so scheint es, an einem Endpunkt angelangt.

tip „Nachtsendung“ stellt auch immer wieder die Systemfrage. Ist es möglich, ein richtiges Leben im falschen System zu führen?
Kathrin Röggla Nein, natürlich nicht. Ich merke das an meinem eigenen Dasein als Schriftstellerin. Es ist ein ständiger Kompromiss. Zwar entspricht mein Schreiben überhaupt nicht der wirtschaftsliberalen Effizienz, aber all das, was sich darum herum sortiert – die Panels, das Unterrichten – ist schon sehr angekränkelt von der neoliberalen Logik.

tip In der Erzählung „Die Wiederkehr der Geschichte“ heißt es, es sei „einfach zu laut“. Laut ist derzeit auch der politische Diskurs.
Kathrin Röggla Die Verschränkung, dass es nicht mehr um Inhalte, sondern nur noch um Sichtbarkeit geht, weckt bei mir die Assoziation einer narzisstischen Störung. Es sind Gesprächstechniken hoffähig geworden, die nur das Ziel haben, Menschen zu manipulieren und Interessen durchzusetzen, die nicht mehr an sachliche Argumente gebunden sind. Das sind schon sehr wilde Verhältnisse.

tip Braucht der Mensch solche Krisen, um sich seiner Existenz bewusst zu werden?
Kathrin Röggla Sicher haben Krisen auch eine produktive Seite. Es ist zu hoffen, dass durch die extreme Veränderung, die wir erleben – das Umdefinieren von Europa und der ganzen Welt durch den Rechtspopulismus –, positive Gegenkräfte entstehen. Es ist viel vorhanden, die einen treten in Die Linke ein, die anderen gründen Initiativen. Vielleicht eignet sich die Krise als Mittel zur Re-Politisierung der Gesellschaft.

tip „Es wird ein heller Tag“ lautet einer der letzten Sätze des Buches. Was gibt Ihnen gegenwärtig Hoffnung?
Kathrin Röggla Menschen, die bereit sind, sich politisch zu organisieren für eine offene Gesellschaft, die darüber nachdenken, wie man miteinander umgeht und Dinge ändert, auch wenn es nur Kleinigkeiten und Gesten sind, geben mir Anlass zur Hoffnung.

Nachtsendung. Unheimliche Geschichten von Kathrin Röggla, S. Fischer, 288 S., 22,00 €

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