Gastro-Kultur

Keine Corona-Lockerungen, keine Chance? So kämpfen Berlins Kneipen ums Überleben

Die einen dürfen wieder öffnen, andere müssen aufgrund der noch immer bestehenden Corona-Infektionsgefahr weiterhin geschlossen bleiben. Dazu zählen auch die Berliner Kneipen. Für die Wirte, aber auch ihre Gäste, ist das eine Katastrophe, meint Norbert Raeder vom Kastanienwäldchen.

Im Kastanienwäldchen am Schäfersee steppt eigentlich der Bär. Durch Corona muss die Gaststätte geschlossen bleiben, so wie viele Berliner Kneipen. Und ein Ende ist nicht in Sicht. Foto: Imago/Schöning
Im Kastanienwäldchen am Schäfersee steppt eigentlich der Bär. Durch Corona muss die Gaststätte geschlossen bleiben, so wie viele Berliner Kneipen. Und ein Ende ist nicht in Sicht. Foto: Imago/Schöning

„Dass man mich völlig vergisst, hätte ich nicht gedacht“, sagt Norbert Raeder vom Kastanienwäldchen in Reinickendorf. Der Kneipenwirt ist sauer, ziemlich sauer sogar. „Ich habe Verständnis für die Maßnahmen, Corona war und ist eine Bedrohung“, so der ehemalige Bundesvorsitzende der Grauen Panther, der sich mittlerweile als parteiloser Kommunalpolitiker für den Kiez rund um den Schäfersee einsetzt. „Ich habe allerdings kein Verständnis dafür, dass wir einfach im Stich gelassen werden.“

Keine Corona-Lockerungen für Berliner Kneipen. Wirte sind sauer

Norbert Raeder stößt vor allem die Ungerechtigkeit auf, die er bei den Lockerungen wahrnimmt. Nebenan, ärgert er sich , wären Spätis und Pizzerien geöffnet. Dort säßen die Menschen, würden viel trinken, und das reichlich. Ein paar Meter weiter soll die Ansteckungsgefahr höher sein?

Raeder kann darüber nur mit dem Kopf schütteln. So wie viele Kneipenwirte. Mehr als 400 hat der Besitzer des Kastanienwäldchens mittlerweile hinter sich versammelt. In einem Offenen Brief an den Regierenden Bürgermeister von Berlin, Michael Müller (SPD), schildert er die Situation – und macht einmal mehr deutlich: Berlins Kneipenwirte kämpfen ums nackte Überleben.

Raeder und viele seiner Kolleg*innen aus den traditionellen Berliner Kneipen plagen Existenzängste. Kaum einer hat große Rücklagen, gerade die älteren Kneipenwirte, die sonst täglich hinter Tresen stehen, um ihren Unterhalt und den der Angestellten zu sichern.

Pocher und Wendler brachten 40.000 Euro von RTL. Doch auch das Geld ist bald weg

Ihm selbst gelingt es gerade noch, die Kosten für Miete und Lohn zu bestreiten, aber auch nur, weil er die Förderung des Senats erhielt – neben einer Spende des TV-Senders RTL. Der Comedian Oliver Pocher und der Schlagersänger Michael Wendler erspielten 40.000 Euro für das Kastanienwälchen in der Show „Denn sie wissen nicht, was passiert“. Aufmerksam geworden waren sie auf Raeder und seine Gaststätte, weil sich der Inhaber gerade auf dem Höhepunkt der Krise, als seine Kneipe längst geschlossen war, noch um die Ärmsten kümmerte und Obdachlose mit dem Nötigsten versorgte.

Man merkt es Raeder an, dass ihm die Menschen wichtig sind. „Wirte sind ja auch Seelsorger“, sagt er, „gerade in diesen Zeiten“. Der Inhaber fühlt sich auch von der Politik entmündigt. Er würde sich an die Hygienemaßnahmen halten, Tische auseinander rücken und Plätze reduzieren – ließe man ihn nur. Stattdessen: Schweigen seitens des Senats. Auf seinen Offenen Brief erhielt er bis heute keine Antwort.

Die Wirte wollen nicht länger untätig sein. In den kommenden Tagen soll eine große Demonstration stattfinden, wann genau, ist noch nicht sicher. Vielleicht am Wochenende, vielleicht am Montag, bevor sich am Dienstag erneut der Senat zusammensetzt und ein weiteres Mal über weitere Lockerungen beratschlagt.

So lange kann und will Norbert Raeder nicht warten. Er bereitet eine Klage vor dem Verwaltungsgericht vor. Zudem wollen er und seine Kolleg*innen Michael Müller Hausverbot erteilen. „Das ist die Quittung für das miese Krisenmanagment.“


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Berliner*innen lieben es ehrlich und gemütlich. Diese urigen Kneipen vermissen wir gerade besonders. Auch Prominente setzen sich für die Berliner Kneipen ein, so wie Frank Zander, der mit Schultheiss einen Preis auslobte.