Buchhandel

Kiezbuchhandlungen in Berlin

Inspiration statt Vorrat: Ja, die Kiezbuchhandlung um die Ecke ist bedroht. Ihr gehört aber auch die Zukunft. Einblicke in die Welt der unabhängigen Buchhandlungen

Hammett, Foto: GCM

Schaut man in den Veranstaltungskalender, regiert die Literatur in den kommenden Wochen die Hauptstadt. Von der Lesereihe „Stadt-Land-Buch“ Anfang November über das Steglitzer Literaturfest zur Monatsmitte bis hin zur neuen Veranstaltungsreihe „Das Buch wird laut“, bei dem Berliner Krimiautoren in Berliner Krimibuchhandlungen aus ihren Werken lesen, reiht sich eine Leseaktion an die nächste. Dazu kommt die Woche unabhängiger Buchhandlungen in der ersten Novemberwoche, die Buchbox-Inhaber David Mesche 2014 ins Leben rief.

Man könnte meinen, dem Literaturbetrieb gehe es gut, doch das Gegenteil ist der Fall. Der Druck im Kessel „Buchbranche“ steigt unablässig. Die Verlage werfen hilflos immer mehr Druckprodukte auf den übersättigten Markt, der lokale Buchhandel organisiert ergeben aufwändige Veranstaltungen für ein immer kleineres Publikum. Glaubt man den Initiatoren der Veranstaltungsreihe „Das Buch wird laut“, dann steht es um den unabhängigen Buchhandel noch viel schlimmer, weil das Interesse am Buch generell abnehme. „Statt zu lesen, schauen die Menschen lieber Serien bei diversen Strea­ming-Diensten“, heißt es in der Presseankündigung. Der Buchmarkt leide unter Käuferschwund, jeder dritte Kunde gehe verloren.

Christian Koch, Besitzer der Hammett-Krimibuchhandlung in Kreuzberg und einer der Unterzeichner der Erklärung, spürt das deutlich. Seit 2012 hat er ein Viertel seiner Umsätze eingebüßt. Dabei ist er alles andere als passiv. Er ist als Krimi­experte auf radioeins und im Deutschland­radio zu hören, hat einen eigenen Krimi-Podcast und gibt monatlich einen Newsletter heraus. Seine Homepage ist deutschlandweit eine der wichtigsten Quellen für Kriminalliteratur. Nichtsdestotrotz muss der leidenschaftliche Krimifachmann um seine Existenz kämpfen, weil man Krimis inzwischen selbst an der Tankstelle kaufen kann.

Ums Überleben gekämpft hat auch die Buchhandlung ocelot in Mitte. Unter dem Slogan „Not just another bookstore“ trat sie 2012 gegen Amazon und Großhandel an. Das ideelle Konzept schlug ein, binnen Monaten hatte die Buchhandlung Kultstatus. Doch der Wirtschaftsplan ging nicht auf. Der Insolvenz folgte eine einmalige Solidaritätswelle, bis die B. Service GmbH aus Heidelberg den Laden vor der Pleite rettete. Inhabergeführt ist ocelot nun nicht mehr, die geistige Unabhängigkeit, um ein „lebendiger Ort für Kultur“ zu sein und dem Kulturpessimismus zu trotzen, habe man sich aber bewahrt, erklärt Buchhändlerin Maria-Christina Piwowarski.

Die Buchhandlung Uslar & Rai in Prenzlauer Berg hat sich mit einem sorgsam sortierten Sortiment und besonderen Lesungen abseits der Bestsellerlisten einen Namen gemacht. Wenn hier nicht Debütanten die Bühne bekommen, stellt die Berliner Kulturprominenz ihre Lieblingsbücher vor. Veranstaltungen wie diese seien ihr „Markenzeichen“, erklärt Schriftsteller Edgar Rai, der den Laden gemeinsam mit der Buchgestalterin Katharina von Uslar betreibt. „Wir haben tolle Gäste, interessante Abende, in­spirierte Kunden. Und mit jeder Veranstaltung finden neue und künftige Kunden den Weg in unsere Buchhandlung.“ Angst vor dem Onlinehandel hat Rai nicht. Die wichtigste Aufgabe sei ohnehin, Menschen für Bücher zu begeistern. „Kein Mensch braucht heute mehr eine Buchhandlung, um ein Buch zu kaufen. Ich glaube, künftig wird es nicht mehr darum gehen, Bücher vorrätig zu haben, sondern Inspiration.“

Auch Sarah Schaper von der Buchkantine in Moabit hat keine Angst vor der Internetkonkurrenz. „Die Buchhandlung ist kein nüchterner Umschlagplatz für Bücher, sondern wird von vielen Kunden auch als schöner Ort empfunden, an dem man gerne verweilt.“ Dies könne keine noch so gut gepflegte Webseite ersetzen. Der Buchkantine mit angeschlossenem Bistro gelingt es, als Ort des Schönen lesen und lesen lassen mit leben und leben lassen in Einklang zu bringen.

Unabhängiger Buchhandel mag in Berlin nicht einfach sein, aber diese Beispiele zeigen, dass hier in der Regel Menschen aktiv sind, die mit Enthusiasmus und Einfallsreichtum das richtige Buch zum richtigen Leser führen. Inspiration bieten zudem verschiedene Lesereihen. Weihnachten 2017 kann also getrost kommen.

Termine:

Woche unabhängiger Buchhandlungen 4. bis 11.11. www.wub-event.de
STADT LAND BUCH 2017 5. bis 12.11. www.stadtlandbuch.de
Das Buch wird laut Berliner Krimiautoren touren durch Berliner Krimibuchhandlungen 29.11. bis 1.12. www.dasbuchwirdlaut.de

Adressen (Auswahl):

Hammett Friesenstr. 27, Kreuzberg, www.hammett-krimis.de
ocelot Brunnenstr. 181, Mitte, www.ocelot.de
Uslar & Rai Schönhauser Allee 43, Prenzlauer Berg, www.uslarundrai.de
Buchkantine Dortmunder Str. 1, Moabit, www.buchkantine.de

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