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1. Feministischer Pornofilmpreis in Berlin

Die kleine, aber an einigen Stellen doch schon recht weit entwickelte Alice hat auf dem Weg ins Wunderland ihr Kleidchen verloren. Nur mit einem durchsichtigen Tuch bekleidet verfolgt sie das weiße Kaninchen, plumpst ins Wasser, wird von possierlichen, pelzigen Waldtieren mit menschlichen Körpern gerettet, mit einem vielstimmigen Lied erfreut und später trockengeleckt und bekommt bei der Boston Tea Party den ersten Schwanz ihres Lebens zu sehen … Um eine solch umwerfende Mischung aus irrem Tanz-Musical, David-Hamilton-Äs­thetik und zuckersüßem Porno herzustellen, braucht es mindes­tens einen ganzen Kasten Trinkmilch-Fläschen voller Camp, Sur­rea­lismus und Mut. „Alice in Wonderland„, den Bud Townsend 1976 inszenierte, wird das vierte Berliner Pornfilmfestival garantiert zu einem krönenden Abschluss, besser noch Höhepunkt bringen. Denn am Ende der „X-rated Musical-Fantasy“ hat Alice, die im wahren Leben eine verklemmte Bibliothekarin ist, ihre Lessons gelernt und kann ihre neu entdeckte, vielfältige Lust endlich auf den schönen Hunk konzentrieren, der ihr am Anfang des Films erfolglos Avancen machte.

Schon lange geht es in modernen Pornofilmen nicht mehr um sexuelle Befreiung. Die wird meis­tens vorausgesetzt, denn das Konsumverhalten hat sich extrem geändert: Porno ist überall und durfte sich zwischenzeitlich sogar als elternirritierender Teenie-Sprachen-Slang („Du bist so porno!“) brüsten. Die Filme muss man nicht mehr unbedingt leihen oder kaufen, schaut sie nicht mehr kollektiv im Erwachsenenkino und fummelt dabei mit dem geilen Platznachbarn, sondern klickt sich zu jeder Tages- und Nachtzeit im Internet durch die Kategorien. Die Geschichten drum­herum sind bei diesen meist kurzen Häppchen verständlicherweise Nebensache bis komplett egal – manchen Quellen zufolge allerdings eher den männlichen Nutzern. Frauen, so heißt es, haben beim Porno konsumieren ein größeres Bedürfnis nach Atmosphäre, Geschichte und Vorspiel, darauf reagierten die Pornoproduzenten schon vor Jahren mit eigenen Filmreihen für und oft auch von Frauen. Ein solcher Film, an dessen Produktion Frauen nicht nur als Darstellerinnen beteiligt sind, der die weibliche Lust wieder stärker ins Zentrum setzt, also nicht – wie ein Großteil der üblichen Werke – gewohnt spritzig mit dem „Cumshot“ endet, und bei dem sämtliche Safer-Sex- und arbeitsethischen Auf­lagen erfüllt sind, kann seit diesem Jahr sogar mit einem neuen feministischen Filmpreis ausgezeichnet werden. Die Jury um Initiatorin und Kommunikationswissenschaftlerin Laura Mйritt ehrt mit „PorYes“ Pornofilme und Frauen im Sexbusiness, die sich um die genannten Kriterien verdient gemacht haben. Übliche, kommerzielle Pornos verurteilen will sie nicht – „es geht um eine größere Auswahl, um die Vielfalt, auch bei den Darstellerinnen“, sagt Mйritt und weist auf die zumindest im Video­thekenbereich noch immer sehr homogene Pornostruktur hin, bei der Frauen und Männer vor allem durch dicke Dinger (oben oder untenrum) auffallen.

Zwei der für ihr Lebenswerk Nominierten von „PorYes“ sind die US-amerikanische Feministin und Perfomance-Künstlerin Annie Sprinkle, deren freudige öffentliche Muttermunderforschung seit den 80ern eine neue Farbe in das eindimensionale Pornogeschäft brachte, und die ehemalige Darstellerin und Produzentin Candida Royalle. Wenn die PorYes-Auster strategisch schlau am 17. Oktober, dem Ende der inhaltlichen Gegenveranstaltung, der silikonaffinen Main­stream-Erotikmesse „Venus“, und im Vorfeld des Pornfilmfestivals, erstmalig verliehen wird, soll also auch fleißig Politik gemacht werden.

„Wir wollen den Markt revolutionieren“, erklärt Mйritt, denn der scheint es nötig zu haben: Im Gegensatz zu den heterosexuellen und schwulen Männern, die vergnügt Pornos konsumieren, längst Schnittstellen zwischen Porno und Trash, Horror und richtig guten Filmen gefunden und genutzt haben, hängen Heterofrauen häufig noch hinterher und zicken. Lesbische Frauen, die sich aus Coming-out-Gründen oft intensiver mit ihrer Sexualität beschäftigten, sind auch darum bei den sogenannten Sex-positiven Feminis­tinnen stark vertreten.

Weniger bei der von der „Por­Yes“-Marke geforderten Vielfalt der sexuellen Ausdrucksweisen – denn Geschmäcker und Gelüs­te sind bekanntlich extrem verschieden, als vielmehr bei den geforderten „FairPorn“- Produktionsbedingungen sollten die Pornohersteller also aufhorchen und sich bemühen. Schließlich könnte da draußen noch immer eine recht große potenzielle Konsumentinnengruppe schlummern. Ein grandioses Bad-Taste-Feuerwerk wie „Porndogs„, ein konsequent aus der Perspektive einer Hündin gedrehter Hundesexstreifen inklusive einvernehmlichen Rüden-Gangbangs und Orgasmusgejaule, der im Rahmen des stets am Abwegigen interessierten Pornfilmfestivals läuft, wird durch eine solche Auszeichnung vermutlich nicht geehrt werden. Aber dafür war der Spruch „Jedem Tierchen sein Plaisierchen“ nie angebrachter.


PorYes – 1. Feministischer Pornofilmpreis, Filmtheater Hackesche Höfe, Rosenthaler Straße 40/41, Mitte, www.hoefekino.de, www.poryes.de, Sa 17.10., 20 Uhr, PorYes-Party ab 22 Uhr

Pornfilmfestival, 22.-25.10., Filme im Moviemento, Kottbusser Damm 22, Kreuzberg; Festival Lounge at Ficken 3000, Urbanstraße 70, Kreuzberg

Porn Film Festival Party at Monster Ronson’s, Warschauer Straße 34, Friedrichshain, 24.10., ab 22 Uhr

Ausstellung „Berlin Bizarre“ www.berlin-bizarre.de, bis 24.10.2009 in der Galerie Friedrichshöhe/PHB, Landsberger Allee 54 Ecke Richard-Sorge-Straße 10249 Berlin

Text: Jenni Zylka

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