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„10 vor 11“ im Kino

10_vor_11Der alte Herr Mithat versteht nicht, wieso die Leute sich in seine Lebensweise einmischen. Er versteht nicht, was seine „Sammlungen“, wie er die Dinghaufen nennt, die sich in seiner Wohnung bis unter die Zimmerdecken stapeln, die anderen überhaupt angehen. Erst recht versteht er nicht, wieso er aus einem perfekt stabilen Haus ausziehen muss, nur weil an dessen Stelle ein moderneres und noch stabileres gebaut werden soll. Herr Mithat, nunmehr also mit dem Einpacken seiner Sammlungen beschäftigt, beauftragt Hausmeister Ali mit den täglichen Sammlungs-Ergänzungsbesorgungen. Und Ali, bislang im Souterrain mehr oder weniger eingekerkert, lernt auf diese Weise erstmals seine nähere und fernere Umgebung kennen.

In ihrem Spielfilmdebüt „10 vor 11“ entwickelt Pelin Esmer ihre 2002 entstandene Dokumentation „Koleksiyoncu: The Collector“ über ihren Onkel Mithat Esmer und dessen rege Sammlertätigkeit fort. Behutsam und allmählich macht sie in der vermeintlichen Sonderlichkeit ihres Protagonisten das Besondere sichtbar. Soll heißen: eine andere Art der Weltwahrnehmung. Mithat Esmer, der sich hier selbst spielt, mag ein Besessener sein, doch seine Besessenheit wird nicht als Verrücktheit diskreditiert, sondern als sorgfältige und aufmerksame Widmung von Arbeitsenergie gezeigt. Seine Sicht auf die Welt und die Dinge in ihr bleibt unwidersprochen; sein Leben inmitten der gesammelten Gegenstände bildet einen faszinierenden, in sich geschlossenen, friedvollen Mikrokosmos innerhalb des riesigen, lärmenden Istanbul. Ordnung und Unordnung reflektieren einander. So wie Alis Irrwege durch die fremde Stadt diesem schließlich eine Perspektive für sein weiteres Leben eröffnen. Und während Ali aufbricht und sich dem Chaos des Neuen stellt, bleibt der fragile kleine Herr Mithat mit den dunklen, wachen Augen der Archivar einer vom Verschwinden bedrohten Dingkultur, Hüter unbeachteter Gegenstände, die in einigen Jahren Kristalle der Erinnerung sein werden. In seiner Wohnung stemmt sich das Analoge dem alles verschlingenden Digitalen entgegen, eine letzte Bastion der Entschleunigung und des Ineffektiven.     

Text: Alexandra Seitz

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „10 vor 11“ im Kino in Berlin

10 vor 11 Türkei/Frankreich/Deutschland 2009; Regie: Pelin Esmer; Darsteller: Nejat Isler (Ali), Mithat Esmer (Mithat), Laçin Ceylan (Feride); 110 Minuten; FSK k.A.

Kinostart: 28. April

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