• Kino & Stream
  • 100 Jahre Babelsberg: Ein Interview mit Carl Woebcken

Kino & Stream

100 Jahre Babelsberg: Ein Interview mit Carl Woebcken

Carl Woebcken

tip Herr Woebcken, vor siebeneinhalb Jahren haben Sie mit Ihrem Partner Christoph Fisser das Studio Babelsberg übernommen,  haben sich Ihre Hoffnungen erfüllt?
Carl Woebcken?Wir sind damals mit dem Credo angetreten, wieder großes Kino zu machen. Das ist uns auch gelungen: Babelsberg ist auf die Bühne des internationalen Filmgeschäfts zurückgekehrt, wo es vor dem Zweiten Weltkrieg ja schon einmal war, heute ist das Studio als Drehort und Produktionspartner auch auf Hollywoods Radarschirm. Aber viele verkennen, wie fragil dieses Pflänzchen eigentlich ist. Durch die Strahlkraft der Filmprojekte entsteht in der Öffentlichkeit der Eindruck, hier sei alles Friede, Freude, Eierkuchen. Aber wir sind ein Kulturbetrieb, der starken zyklischen Schwankungen unterliegt. Wir haben in sieben Jahren betriebswirtschaftlich eigentlich nur zwei gute Jahre gehabt, die anderen waren schlecht oder äußerst mittelmäßig. Das ist alles auf Kante genäht.

tip Welche Rolle spielt für Ihre Arbeit die Filmförderung?
Carl Woebcken Besonders die Einführung des Deutschen Filmförderfonds (DFFF) 2007 hat Babelsberg für mittelgroße internationale Produktionen deutlich attraktiver gemacht: Filme, die in Deutschland bis zu 50 Millionen Euro ausgeben wollen, erhalten die volle Förderung, darüber hinaus aber nicht mehr. Viel Geld, aber auch Summen, bei denen größere Produktionen anderswo gerade erst anfangen, ein „Harry Potter“-Film gibt in England mehr als 100 Millionen Euro aus. Insofern haben wir hier einen echten Standortnachteil, für die ganz großen Blockbuster wären wir nur mit einem erweiterten Fördersystem inte­ressant. Die Produktionsbedingungen wären auch für Großprojekte vorhanden, Deutschland hat einen hervorragenden Ruf, auch was die Teams angeht, besonders hier in Berlin. Und es kann durchaus zwingende kreative Gründe geben, hier zu drehen. Berlin ist ein natürlicher Drehort für Projekte, die während des Zweiten Weltkriegs oder in der Nachkriegszeit spielen; ich würde sagen, dass gut die Hälfte aller größeren Produktionen der letzten Jahre solche Filme waren. Die werden auch immer wieder kommen, Filme leben ja auch von Außenmotiven. Es kann günstiger sein, hier zu drehen als in Prag oder Budapest, die Locations sind in der Nähe, das Team muss nicht reisen.

Carl Woebckentip In der Vergangenheit stieß Studio Babelsberg oft an seine Kapazitätsgrenzen.
Carl Woebcken Als 2005 „V wie Vendetta“ auf dem Studiogelände gedreht wurde, war das keine sehr große Produktion, benötigte aber für drei Monate sämtlichen verfügbaren Platz. Die Situation ist heute deutlich besser, wir haben die Studio-Produktionsflächen verdoppelt, wir können jetzt zwei Filme gleichzeitig drehen und schon Sets vorbereiten, auch während ein anderes Projekt noch dreht. Die Größe macht uns einzigartig in Deutschland, man kann hier sehr effizient arbeiten.

tip Wie sieht Ihre Auftragslage aus?
Carl Woebcken Viele Projekte köcheln lange in unterschiedlichen Entwicklungsstadien vor sich hin; bei „Anonymous“ haben wir uns über fünf Jahre immer wieder mit Roland Emmerich getroffen und diskutiert. Es sind immer viele Projekte in der Pipeline. Aber es ist nicht kalkulierbar, was man in ein, zwei Monaten oder in einem halben Jahr macht, man muss auch darauf vorbereitet sein, dass das Studiogelände mal eine Zeit lang leer steht. 2004 gab es hier 250 fest angestellte Mitarbeiter, heute sind es nur noch etwa 100, das geht auch in Saure-Gurken-Zeiten. Gleichzeitig sind die filmprojektbezogenen Arbeitsplätze aber sehr stark gestiegen: Allein 2007, mit der Einführung des DFFF, haben hier 2?500 Leute an vier Projekten gearbeitet.

tip Sie hätten gerne den Flughafen Tempelhof übernommen, wäre das heute noch inte­ressant?
Carl Woebcken Für uns wäre die Minimallösung, zwei Hangars und die entsprechenden Produktionsnebenräume dahinter zu mieten, um auch dort regelmäßig ein größeres Filmprojekt anzusiedeln. Doch die Vermarktung des ehemaligen Flughafens als Event-Location verträgt sich nicht mit einer dauerhaften Nutzung als Drehort. Ursprünglich wollten wir den gesamten Komplex als Medien- und Kulturgelände ausbauen und bewirtschaften, das Know-how hätten wir gehabt. Aber der Senat hat sich leider dagegen entschieden.

tip Wird man in Babelsberg auch in hundert Jahren noch Filme drehen?
Carl Woebcken Hundert Jahre sind schwer vorherzusehen (lacht), aber für die nächsten 20 Jahre bin ich sehr zuversichtlich. Immer mehr wird digital gemacht werden, für uns als Studiobetreiber ist das nicht schlecht: Bei Green-Screen-Drehs oder stereoskopischen 3D-Aufnahmen wird deutlich mehr Raum und Fläche benötigt. Und natürlich verändert sich unser Leistungsangebot, das Technische rückt stärker in den Vordergrund. Wir überlegen, hier auch ein Motion-Capture-Studio anzusiedeln, um wie bei „Tim und Struppi“ die Körpersprache der Darsteller aufzeichnen und auf animierte Figuren übertragen zu können. Das Studio muss immer mit der technischen Entwicklung mitwachsen und sich erweitern, das war schon in den letzten 100 Jahren so. Stillstand kann sich niemand leisten.

Interview: Thomas Klein

Fotos: David von Becker

Lesen Sie hier:

Babelsbergs vielseitigste Akteurin – Die Berliner Straße

100 Jahre Babelsberg: Das Filmmuseum Potsdam

100 Jahre Babelsberg: Termine und Veranstaltungen 

Mehr über Cookies erfahren