Kino & Stream

100 Jahre Studio Babelsberg

Inglorious Basterds

„Besonders amerikanische Filmemacher sind immer sehr beeindruckt“, meint Wolf, „in Hollywood gibt es diese Art Studio nicht mehr“. Auch Quentin Tarantino war bewegt, als er zum ersten Mal auf dem Studiogelände war, entrückt soll er erklärt haben, er spüre „den Geist des alten Babelsberg“. Tarantinos „Inglourious Basterds“-Dreh war ein Glücksfall, nicht nur wegen des künstlerischen wie geschäftlichen Erfolgs des von Studio Babelsberg koproduzierten Films. 2500 Interessierte kamen im Herbst 2008 zu einem Statisten-Casting, Tarantinos Film war für Babelsberg auch Gelegenheit, die Möglichkeiten des Studios vorzuführen.
Auch die riesige Außenkulisse „Berliner Straße“ wurde damals benutzt, Paris und das Kino „Le Gamaar“ auf dem Straßenzug nachgestellt. „Die ‚Berliner Straße‘ können wir noch bis einschließlich 2013 nutzen“, erklärt Eike Wolf beim Rundgang, „danach werden auf dem Gelände Wohnhäuser gebaut, wir sind leider nur Pächter“. In Nähe des Neuen Filmgeländes soll ein „besseres und größeres“ Freiluft-Set errichtet werden, dort sollen dann auch Green-Screen-Aufnahmen im großen Stil möglich sein.
Der blaue EngelFilmemachen ist auch in Babelsberg ein stetiges Werden und Vergehen, doch bei allen Veränderungen und Modernisierungen sind sich die Entscheidungsträger der wechselhaften Geschichte des Ortes bewusst. Zum 100.??Jubiläum des Filmstudios – am 12. Februar 1912 begannen hier die Aufnahmen für „Der Totentanz“ mit Asta Nielsen – erinnert man gern an vergangene Glanzzeiten, als Hitchcock hier als Regieassistent gearbeitet und Murnau bei der Arbeit beobachtet hat oder Sergej Eisenstein sich durch Sets führen ließ. 1921 übernahm die UFA das Areal, bis in die Weimarer Republik war das Studio ein Zentrum des internationalen Filmgeschehens und vitaler Innovationsmotor: Fritz Lang drehte hier seine frühen, großen Filme, 1926 entstand hier „Metropolis“ (das neue Studio Babelsberg-Signet ist ein digital modernisiertes Porträt des Roboters Maria), 1929 wurde hier mit Hanns Schwarz’ „Melodie des Herzens“ der erste UFA-Tonfilm produziert – und natürlich inszenierte Josef von Sternberg hier mit Marlene Dietrich in der Hauptrolle „Der blaue Engel“. Aus den  Händen des ultrarechten Medienunternehmers Alfred Hugenberg wanderte die UFA nach Hitlers Machtergreifung komplett in den Machtbereich der Nationalsozialisten. Statt um Filmkunst und Anspruch ging es vorrangig nur noch um Binnenunterhaltung und Kino-Propaganda unter oberster Ministerialleitung von Joseph Goebbels. „Die Feuerzangenbowle“ und der eskapistische „Münchhausen“ wurden hier ebenso hergestellt wie Veit ­Harlans antisemitischer Hetzfilm „Jud Süss“, der den Holocaust auf seine Weise im Kino orchestrierte.
Während Wolfgang Liebeneiner, jahrelang UFA-Produktionschef von Goebbels‘ Gnaden (und selbst u.a. auch Regisseur des perfiden Euthanasiefilms „Ich klage an“) nach dem Krieg wie viele seiner Kollegen seine Kar­riere im österreichischen und westdeutschen Unterhaltungskino ungebrochen fortsetzen konnte, begann in der SBZ/DDR für das Studio eine neue Phase.
Ab 1946 betrieb die DEFA das Studio und produzierte hier zahlreiche Spiel-, Dokumentar- und Kinderfilme, darunter auch viele internationale Kinoerfolge wie „Nackt unter Wölfen“, „Spur der Steine“, „Jakob, der Lügner“ und „Solo Sunny“, aber auch mehr und mehr Fernsehproduktionen für das ostdeutsche Publikum. Mit der Vereinigung und der Übernahme durch die Treuhandanstalt endete auch diese Tradition des Filmschaffens.
Dreharbeiten zu In der Studio-Lobby, die bereits für den Festakt am 12. Februar vorbereitet wurde, ahnt man, dass in Babelsberg bei allem historischen Bewusstsein noch nie mit der ganzen Filmgeschichte geworben wurde. Ein detailreiches Modell des alten Glashauses, das der erste Produk­tionsort des Babelsberger Studios war, wird von großen Fotos der prominentesten Filmemacher gesäumt, die hier gedreht haben. In den Wänden sieht man auch detailierte Panorama-Reliefs der „UFA Berlin-Tempelhof“, während der DEFA-Jahre, so Wolf, waren die Wandbilder unter Putz. Derartige Überlagerungen gibt es auch im aktuellen Studio-Betrieb. Obwohl ein Großteil der heutigen Babelsberg-Produktionen in der Nazizeit oder den frühen Nachkriegsjahren angesiedelt ist, bleibt die Vergangenheit als Filmfabrik des Dritten Reichs eher im Hintergrund. Man könnte auch sagen: Studio Babelsberg lebt von der Geschichte, aber man ist doch moderner Produktionsstandort und kein Filmmuseum in eigener Sache.

Foto oben: Inglorious Basterds

Foto mittig: Der blaue Engel

Foto unten: Dreharbeiten zu „Die Fälscher“ / Jürgen Olczyk

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