Kino & Stream

100 Jahre Studio Babelsberg

Studio Babelsberg

Studio Babelsberg am Mittwoch vor Weihnachten. Tom Tykwer trägt bedächtig einen Becher Kaffee vom Catering-Wagen durch den Nieselregen zurück zur Marlene-Dietrich-Halle, er wirkt gut gelaunt, aber etwas müde. Kein Wunder: Tykwer dreht seit Mitte September zusammen mit Lana und Andy Wachowski eine Verfilmung des Romans „Der Wolkenatlas“. Die komplexe Geschichte des Briten David Mitchell umspannt gut 1000 Jahre und ist über sechs verwobene Erzählstränge verteilt, eine vertrackte Kombination aus Historie und Science Fiction, Melodram und Sozialkritik.
Tykwer und die Wachowskis haben ­parallel gedreht, in Babelsberg, Schottland und Charlottenburg, der Sächsischen Schweiz, Mallorca und dem ehemaligen Flughafengelände in Tempelhof, die aufwendige Produktion ist prominent besetzt. Ihren Darstellern blieb angesichts des engen Drehplans nur wenig Zeit für die heutzutage bei Babelsberg-Drehs typischen Promi-Exkur­sionen: Susan Sarandon wurde am Hackeschen Markt bei einer Shopping-Tour gesichtet und Halle Berry beim Halloween-Einkauf im KaDeWe; Hauptdarsteller Tom Hanks macht immerhin Werbung für die Region, erst kürzlich schwärmte er bei David Letterman von Eisenhüttenstadt („I had a great time“) und vom Abenteuer Autobahn. Aber heute ist letzter Drehtag, in Babelsberg wird noch bis zum Abend in der Marlene-Dietrich-Halle gefilmt, für Besucher und Berichterstatter ist „Large South“ deshalb geschlossen. Mit einem Budget von 100 Millionen Euro gilt „Der Wolkenatlas“ als teuerster Film, der bislang in Deutschland gedreht wurde, der Kinostart ist für Herbst geplant. An Urlaub ist für Tom Tykwer nicht zu denken – sicher, er habe ein paar Tage frei, sagt der Regisseur, „aber dann ist der Schnitt dran.“
Dreharbeiten Dass das internationale Projekt als Produktion der Berliner „X Filme“ und des Wachowski-Partners Grant Hill in Babelsberg angesiedelt wurde, ist für die Studio Babelsberg AG, für den Vorstandsvorsitzenden Carl Woebcken und seinen Geschäftspartner Christoph Fisser ein Erfolg – und vielleicht auch eine gewisse Genugtuung. Denn als die „Filmbetriebe Berlin Brandenburg GmbH“ (FBB), eine Investorengruppe um Woebcken und Fisser, das Areal im Sommer 2004 für die symbolische Summe von einem Euro von Vivendi übernahm, waren in der Region wie auch der Filmbranche viele skeptisch. Ihre Vorgänger hatten das Filmstudio zwölf Jahre zuvor von der Treuhandanstalt gekauft und gut 500 Millionen Euro hier und in die umgebende Medienstadt investiert; bis 1997 war Volker Schlöndorff Geschäftsführer. Aber obwohl in Babelsberg mit „Sonnenallee“, Polanskis „Der Pianist“ oder „Die Bourne-Verschwörung“ durchaus bemerkenswerte Filme entstanden, gelang es Vivendi nicht, aus dem Studiobetrieb ein ausreichend rentables Geschäft zu machen. Die Übernahme durch Woebcken und Fisser wurde von Zweifeln und Kritik begleitet, man fürchtete, sie würden den Traditionskomplex zerschlagen oder als reine TV-Fabrik enden lassen. Tatsächlich gab es seit 2004 und dem Börsengang der FBB 2005 als „Studio Babelsberg AG“ zahlreiche, durchaus tief greifende Veränderungen: Man trennte sich von Unternehmensbereichen wie der kapitalintensiven Post-Production, Stellen wurden abgebaut und das Studio-Gelände durch Anmietung eines benachbarten Grundstücks mit zwei großen Hallen („Neue Film 1“, „Neue Film 2“) erheblich erweitert. „Unser Kerngeschäft ist es“, sagt Carl Woebcken heute, „Sets zu bauen und Studios zu vermieten, den Dreh und die physische Produktion zu übernehmen.“
KostümfundusWas das heute bedeutet, zeigt Studio Babelsberg-Sprecher Eike Wolf bei einer Begehung des Geländes. Noch steht ein gutes Dutzend großer, weißer Lastzuganhänger als Umkleide- und Rückzugsräume für das „Wolkenatlas“-Personal auf dem Studiogelände, aber eigentlich wird jetzt abgebaut. Vorbei am Außen-Set eines mittelalterlichen Dorfs – eine Kulisse des ebenfalls gerade abgedrehten, ironischen Action-Märchens „Hansel and Gretel – Witch Hunters“ mit Jeremy Renner und Gemma Arterton – führt Wolf auf dem benachbarten „Neuen Filmgelände“ kurz in eine große Halle, in der eines der letzten „Wolkenatlas“-Motive demontiert wird. Konkrete, inhaltliche Rückschlüsse lässt das zweigeschossige, detailreich auf heruntergekommen-futuristisch getrimmte Stadt-Stück nicht zu; Wolf bittet darum, auf Fotos zu verzichten, Diskretion geht hier immer vor. Auf dem Hauptgelände führt er durch die Lagerräume und Archive des Studios. Im Requisiten-Fundus sind kilometerlange Regale mit allen möglichen Ausstattungsgegenständen gefüllt, mit Telefonen aus allen Epochen, Tassen, Feuerzeugen, Ölgemälden, Schreibutensilien, Wanduhren. Auf einer Ablage steht die Biografie des britischen Premiers Adam Lang aus Polanskis „Der Ghostwriter“, auf einem Tisch allerlei Kleinteile, die gerade noch für „Der Wolkenatlas“ benutzt wurden. Noch eindrucksvoller ist der riesige Kostümfundus, scheinbar endlos sind die Massen an Nazi-Uniformen, Barock-Kleidern, 80er-Jahre-Alltagsoutfits oder Indianer-Kostümen aus Gojko Mitic-Produktionen: In einem separaten Showroom sind einige Original-Kostüme aufgebaut, aus „Die Fälscher“ und „Operation Walküre“, Kate Winslets Schaffnerinnen-Uniform aus „Der Vorleser“ findet man hier ebenso wie ein Hofdamen-Kleid aus „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“. In den Werkstätten, bei den Stuckateuren, Tischlern und Metallbauern wird noch gearbeitet. Studio Babelsberg ist auch ein Ausbildungsbetrieb, die Handwerker und Gestalter versorgen nicht nur die Babelsberger Produktionen, sondern bauen auch Kulissen für Berliner Filmpremieren.

Foto Dreharbeiten „Die Mörder sind unter uns“: E. u. H. Thiele / Filmmuseum Potsdam

Foto ganz oben und Kostümfundus: David von Becker

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