Trilogie

„1001 Nacht – Volume 1: Der Ruhelose“ im Kino

Scheherazade im Speedboot: EU-Sparzwang, politische Erektionen und der Zauber der Gegenwart. Miguel Gomes erzählt in drei Filmen tausendundeine Geschichten aus ­Portugal. „1001 Nacht – Volume 1: Der Ruhelose“ macht den Anfang

1001 Nacht Teil 1 Der Ruhelose
Foto: Real Fiction

Ein Monster“ – das sagte nach dem Dreh der Produzent Luis Urbano über „1001 Nacht“. Ein Monster sei das Budget ­gewesen, ein Monster das Skript. Ein Monster die Zahl der Beteiligten, die wie ­Feuerwehrleute arbei­teten: Sie mussten jeden Moment ­darauf warten, dass eine Alarmglocke sie zum Brandherd rufen könnte. In den ­Jahren 2013 und 2014 haben der portugiesische ­Regisseur Miguel Gomes und sein Produzent Urbano eine Neudeutung der Geschichten aus Tausendundeiner Nacht gedreht – „1001 Nacht“ ist das Ergebnis. Eine denkbar freie Bearbeitung der klassischen Vorlage, mit einer Scheherazade, die von den Folgen der Finanzkrise in Portugal erzählt.
Einer der ersten Anlässe war eine Politikerphrase, die Gomes wieder und wieder hörte, wenn es um die Begründung der portu­giesischen Sparpolitik im Einklang mit den Forderungen der EU-Troika ging: „Es gibt keine andere Möglichkeit!“ „Das macht mich skeptisch“, sagt der Regisseur beim tip-Gespräch. „Ich habe den Film gemacht, um mich gegen diesen Satz zu wehren. Ich wollte so viele Geschichten, Themen, Figuren, so viele Kinoerzählweisen wie möglich. Das ist eine politische Mannigfaltigkeit. Es gibt nicht nur eine Geschichte.“
Miguel Gomes, 44, hat schon zuvor ­Arbeiten realisiert, die jede ­Genregrenze überschreiten: „Unser geliebter Monat ­August “ etwa, eine geniale Mischung aus Doku, Making of einer scheiternder Filmfiktion und Schlagerfestivalmusical, der 2008 den internationalen Durchbruch für Gomes brachte, verwandelte sogar einen finanziellen Produktionsengpass in neues, kreatives Kapital. Nach dem postkolonialen Melo „Tabu“ (2012) und dem Found-Footage-Kurzfilm „Redemption“ (2013)  sollte es nun ein Dokufiction-Projekt zur Gegenwart ­Portugals sein.

„1001 Nacht“ übersiedelt den klassischen ­literarischen Rahmen in die Gegenwart, mit einer robusten Scheherazade (Crista Alfaiate), die im schnittigen Speedboot übers Meer vor Bagdad flitzt. Die Stile wechseln so schnell wie die Protagonisten, aber in den rund zehn Episoden dominiert das komödiantische Element. Für Gomes ist das nicht nur ein Unterhaltungswerkzeug, sondern auch jenes Mittel, das dem Kinogänger die größte Freiheit lässt: „Man kann dem Zuschauer so Sachen zeigen, ohne ihn emotional zu erpressen.“

Ein Jahr lang sammelte der Regisseur mit seinem „Zentralkomitee“ – einem Team aus Drehbuchautoren und Journalisten – große Schlagzeilen und kleine Lokalmeldungen, denen man vor Ort nachrecherchierte. Waren die Storys packend, absurd oder berührend genug, dann schrieben sie darauf basierend neue Drehbuch-Episoden, die – gerne gleich mit den realen Protagonisten gedreht – im Film zu sehen sind. So gibt es nun neben den 1001-Nacht-Vignetten einen Dokumentarfilm über die Leidenschaften von Singvogelzüchtern aus dem portugiesischen Lumpenproletariat, aber auch ein Kapitel über einen ruhestörenden Gockel, in dem wie selbstverständlich die authentischen Gemeindepolitiker und die streitbaren Besitzer des Vogels auftauchen.

Aus dem ursprünglich geplanten einen Film wurden in der Montage drei, jeder davon zwei Stunden lang und immer unberechenbar. Ein außergewöhnliches Triptychon, das der deutsche Verleih nun im Zwei-Wochen-Abstand in die Kinos bringt. Jeder der drei Teile hat einen eigenen Tonfall – eine Illustration auch der formalen Meisterschaft, mit der Gomes seine irrwitzigen Ideen in Kino übersetzt.
Den Anfang macht nun „Der Ruhelose“, in dem Scheherazade ihre Erzählung beginnt, gefolgt von der EU-Troika-Verhandlungsfarce und der Flucht des Regisseurs aus dem Film. „Teil 2 – Der Verzweifelte“ (ab 11.8.) begegnet einem Doppelmörder in der sengenden Sommersonne der Provinz und recherchiert danach den Freitod eines Rentnerpaares in einem Plattenbau am Rande der Hauptstadt. „Teil 3 – Der Entzückte“ (ab 25.8) besucht die „Chaffinches“, professionelle Vogelzüchter bei einem Wettkampf am Flughafen Lissabon – und trifft Scheherazade in ihrer 515. Nacht mit dem Sultan wieder.

Es sind Märchen und reale Geschichten aus der Gegenwart, die von Generalstreiks, Demonstrationen, Migration und Arbeits­losigkeit handeln, aber auch von der Lust, die sich einen Weg zur Freiheit bahnt, zu einer Zukunft, die vielleicht noch lange nicht da ist: „Nur so kann ich ein vollständiges Porträt zeichnen“, sagt Gomes, der überzeugt ist, dass in jeder Realität immer etwas Träumerisches steckt.

As Mil e Uma Noites: Volume 1, O Inquieto (OT) POR/F/D/CH 2015, 125 Min., R: Miguel Gomes,
D: Crista Alfaiate, Dinarte Branco, Carloto Cotta, Adriano Luz, Start: 28.7.

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