Kino & Stream

12. Achtung Berlin – New Berlin Film Award

12. Achtung Berlin – New Berlin Film Award

Das deutsche Kino ist dröge? Das Festival Achtung Berlin beweist das Gegenteil Und während sich die Retrospektive um das Thema "Berlin in Fashion – Modestadt Berlin" kümmert, widmen sich die Filme in den zentralen Wettbewerbssektionen Spiel-, ­Dokumentar-, Kurz- und mittellanger Film der Gegenwart. In Berlin und anderswo.

Mann im Spagat
Eröffnungsfilm Cowboy ist wieder da! Mit "Klappe Cowboy" legte der gelernte Schauspieler Timo ­Jacobs (Foto, li.) 2012 sein Regiedebüt vor. Mit "Mann im Spagat" setzt er nun noch ­einen drauf. Wieder gibt er selbst Cowboy, der in Berlin unterwegs ist, allerlei versponnene ­Ideen umsetzen will und dabei auf ein Sammelsurium durchgeknallter Mitmenschen trifft. Mit dabei im skurrilen, mitunter auch dramaturgisch chaotischen Treiben: Clemens Schick, Meret Becker, Rolf Zacher und David Scheller. Termine

  


Lotte
Selbstsuche Soeben noch auf der Berlinale gefeiert, jetzt bei ­Achtung Berlin: dieses Porträt einer Frau Mitte 30. ­Lotte hat keine feste Wohnung, jobbt unmotiviert als Krankenschwester, trinkt gerne mal einen und will eines auf keinen Fall: irgendeine Art von Verantwortung. Das könnte sich ändern, als sie mit Marcel nicht nur einen Uralt-Ex wiedertrifft, sondern auch dessen Tochter. ­Julius Schultheiß entwirft ein stimmiges Porträt einer Einzelgängerin, mit Wucht in der Titelrolle: Karin Hanczewski. Termine    

 

Luca tanzt leise
Dramödie Im vergangenen Jahr begeisterte uns Philipp Eichholtz mit der No-Budget-­Komödie "Liebe mich!". Mit "Luca tanzt ­leise" legt er nun einen würdigen Nachfolger vor. Er erzählt von der Endzwanzigerin Luca, die nach "zehn dunklen Jahren" endlich ihr ­Leben auf die Reihe bekommen und das Abi nachmachen will. Dabei stehen ihr nicht nur ein rabiater Lover, sondern auch der innere Schweinehund im Weg. Erneut gelingt Eichholtz das Kunststück, dass sich das alles verdammt echt anfühlt. Ein großer kleiner Film voller Charme und Empathie. Wunderbar. Termine    

Meet Me in Montenegro
Beziehungskomödie Die Norwegerin Linnea Saasen (Foto) und der Amerikaner Alex Holdridge sind nicht nur für Regie, Produktion, Schnitt und Drehbuch verantwortlich, sondern spielen auch die Hauptrollen. Bei einem Kurzaufenthalt in Berlin trifft Anderson jene Lina wieder, die ihn Jahre zuvor im Urlaub in Montenegro sitzengelassen hat. Kann es einen Neubeginn geben? Neben dem Witz und der kurzweiligen Inszenierung besticht der Film durch den Handlungsort: Saasen und Holdridge zeigen entspannt Hotspots, die für viele Einheimische nur noch Klischee sind: Oberbaumbrücke, Alex, Spreepark. Und gestatten zudem einen Blick in die Welt jener jungen kreativen Expats, die unsere Kieze bevölkern. Termine    

 

Der Wettbewerb Dokumentarfilm

Ob nun Porträts, Flüchtlinge oder Berlin – die Filmemacher im Dokumentarfilmwettbewerb schöpfen kreativ aus der Realität

Das Leben muss Spaß machen", sagt der ­heute 89-jährige William Wolff, bis vor kurzem noch liberaler Landesrabbiner von Mecklenburg-Vorpommern, und dieses Vergnügen sieht man dem alten Herrn in Britta Wauters Dokumentarfilm "Rabbi Wolff" trotz seines erkleck­lichen Arbeits- und Reiseaufwandes auch an: Immer freundlich, humorvoll und den Menschen sehr zugewandt, beeindruckt der einst in Berlin geborene Wolff in einem impressionistischen Film mit seiner Persönlichkeit und Tatkraft (ab 14.4. auch im Kino).
Eine Berliner Persönlichkeit ist der Dauer­mahner, Aktionskünstler und Natur­philosoph Ben Wagin, den Pantea ­Lachin und Sobo Swobodnik in "BErliN – Aus diesem Tralala kommst Du nicht raus" porträtieren. Weil zu Wagins herausragenden Eigenschaften auch eine penetrante Beharrlichkeit gehört, hat ihn die Politik mitsamt seiner plakativen Erinnerungskunst mittlerweile einfach adoptiert – doch wohl nicht ganz zu Unrecht macht sich der heute 86-Jährige in diesem Film Gedanken über sein mögliches Vermächtnis.
Ebenfalls im Angebot des Doku-Wettbewerbs von "Achtung Berlin" ist das deutsche Dauerthema der letzten Monate: In dem Omnibusfilm "Research Refugees – Flüchtlingsrecherchen" denken verschiedene Filmemacher in insgesamt elf qualitativ unterschiedlichen Kurzfilmen über die Flüchtlingsproblematik nach: Wohlstand und Sicherheit als Zufall, Kinderwünsche, Fremdenfeindlichkeit und Heimaterinnerung in einem Lied aus Damaskus.
Mit einer anderen Form von Migration beschäftigt sich der formal interessanteste Film des Wettbewerbs: Regisseur Mihajlo Jevtic sieht in Serbien keine Zukunft mehr und blickt in "Four Passports" kurz vor seiner Emigration mit sehr persönlichen Gedanken, Home Movies aus der Kindheit, Animationen und Porträts von Familie und Freunden auf eine Heimat zurück, die ihm irgendwann abhanden gekommen ist.

Text:
Lars Penning

Foto: The Orchard

12. Achtung Berlin – ?New Berlin Film Award 13.-20.4., Filmtheater am Friedrichshain, ?Babylon Mitte, Tilsiter Lichtspiele, International, ?Neue ­Kammerspiele Kleinmachnow, Bundesplatz-Kino, www.achtungberlin.de

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