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„12 Meter ohne Kopf“ im Kino

Drei Dinge benötigt ein Piratenfilm, um in seinem Genre wirklich ernst genommen zu werden: Segelschiffe, Seeschlachten und die Utopie von einer freien Gegengesellschaft, deren Protagonisten auf den Weiten des Meeres das gute Gefühl genießen, tun und lassen zu können, was immer sie wollen. Legt man diesen Maßstab an Sven Taddickens deutsche Piratenproduktion „12 Meter ohne Kopf“ an, so schlägt sich die freie Interpretation der Legende um die norddeutschen Seeräuber Klaus Störtebeker und Gödeke Michels wahrlich tapfer.

Gedreht mit Nachbauten der im 14. Jahrhundert üblichen Koggen und versehen mit einigen Enterszenen (die zwar nicht gerade die Wucht einer Hollywood-Produktion entfalten, aber auch nicht peinlich wirken), entwirft „12 Meter ohne Kopf“ bei allem vorhandenen Spaß an der Piraterie ein in seinem Kern eher nachdenkliches Drama um die Frage zweier Mittdreißiger nach dem richtigen Lebensweg und die möglichen Interpretationen des Begriffes Freiheit.

Der jungenhaft wirkende Gödeke Michels (Matthias Schweighöfer) hält dabei die Fahne des traditionellen Piraten hoch: Für ihn bedeutet das Seeräuberleben die Flucht aus der reglementierten Ständegesellschaft, die Freiheit, nicht auf dem Acker eines Bauernhofes im Dreck wühlen zu müssen, das Vergnügen, die reichen „Pfeffersäcke“ der Hanse auszuplündern, und den Luxus eines ungebundenen Liebeslebens. Dem tiefgründigeren Störtebeker (Ronald Zehrfeld) fallen hingegen immer stärker die Sachzwänge und Fallstricke der Lebensweise auf See ins Auge: Die Hanse, der Gegner, hat gefährlich aufgerüstet, der Hehler zahlt für das Raubgut nicht mehr viel, und der Waffenhändler gibt keinen Kredit. Zudem ist Störtebeker im Gegensatz zu seinem Freund Michels längst aufgegangen, dass die Jugend nicht ewig währt – und dass er nicht unverletzlich ist, hat er auch gerade schmerzlich erfahren müssen. So rückt für ihn der Gedanke an ein sesshaftes Leben mit Frau und Kind auf einem eigenen Hof in den Mittelpunkt seiner Überlegungen.

Die beiden Hauptdarsteller verkörpern dieses Drama um eine nicht immer stressfreie Freundschaft (die nach einer doppelten erzählerischen Volte mit einem Opfer endet) sehr überzeugend – wie überhaupt die gute Besetzung des Films bis hinein in die Neben- und Gastrollen (u.a. mit Detlev Buck als Waffenhändler und Achim Reichel als Henker) ins Auge sticht, die der Geschichte die notwendige solide Bodenhaftung verleiht.

Natürlich sorgen zwei Kapitäne derart ungleichen Charakters, die auf einem Schiff dauernd unterschiedliche Befehle geben, bei der Mannschaft für Verwirrung – auf diese Weise nutzt der Film das Drama recht geschickt auch für die humoristische Seite des Unternehmens, die zumeist eher norddeutsch-trocken ausfällt und bloß gelegentlich durch die forcierte Verwendung moderner Umgangssprache in nicht ganz so gelungene parodistische Gefilde gerät. Nur wer Klamauk erwartet, wird enttäuscht werden: „12 Meter ohne Kopf“ verrät weder seine Figuren noch das Genre, dem er im Gegenteil überzeugend eine neue Facette hinzufügt.

Text: Lars Penning
Foto: Britta Krehl
tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „12 Meter ohne Kopf“ im Kino in Berlin

12 Meter ohne Kopf, Deutschland 2009; Regie: Sven Taddicken; Darsteller: Ronald Zehrfeld (Klaus Störtebeker), Matthias Schweighöfer (Gödeke Michels), Franziska Wulf (Bille); Farbe, 102 Minuten

Kinostart: 10. Dezember

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