Kino & Stream

19. Jüdisches Filmfestival Berlin & Potsdam

No Place On Earth

Wenn dieser Tage das 19. Jüdische Filmfestival startet, wird auch ein Gast aus Amerika anreisen: Christopher Nicola ist von Beruf Kletterer und Höhlenforscher. In der Semi-Doku „No Place On Earth“ (Senenbild oben) ist Nicola zu sehen, wie er auf einer ukrainischen Wiese neben einer unscheinbaren Öffnung steht: Der schmale Einstieg diente 1942 während der Nazi-Besatzung als Versteck für fast 40 jüdische Dorfbewohner. Zufällig war der Höhlenexperte 1993 auf den lichtlosen Unterschlupf gestoßen, als er beim Abstieg einzelne Haushaltsgegenstände entdeckte. Seine Neugier führte zu einem Film, der die Geschichte der Familien nachzeichnet und die Überlebenden erzählen lässt, wie sie unter abenteuerlichen Umständen 500 Tage unter der Erde ausharren konnten.
Filmische Auseinandersetzungen mit dem Holocaust bettet Festivaldirektorin Nicola Galliner wieder in ein bewusst weites Spektrum an Themen und Erzählweisen ein. Hochspannendes wie „No Place On Earth“ steht in der 34 Langfilme umfassenden Auswahl neben kleineren, teils poetischen, teils humorvollen Filmen: Die kurze Doku „Lola“ etwa porträtiert eine couragierte Floristin, die sich in ihrem Heimatstädtchen nahe Tel Aviv auf den Handel mit Sex Toys verlegt hat: Große Kundenstürme bleiben zwar aus – jedoch entwickelt sich das liebevoll geführte Lädchen zum Treffpunkt für die Frauen des Dorfs, um gemeinsam zu plaudern und zu lachen.
ZaytounOffenheit zählt zu den Stärken des Festivals, das wie gewohnt nach seinem Auftakt in Potsdam ins Berliner Arsenal-Kino wandert. Dazu gehört auch die Kontroverse, beispielsweise durch Filme wie „The Gatekeepers“, der einen Insider-Blick auf Israels Geheimdienst Schin Bet eröffnet. In der oscarnominierten Doku sprechen die früheren Chefs des Sicherheitsdienstes über ihre Arbeit, die auch gezielte Tötungen und Folter umfasste. Die Kernfrage an seine Gesprächspartner, so Filmemacher Dror Moreh unlängst in einem Interview, sei gewesen, wohin diese Strategie geführt und ob sie Israel zu einem besseren Ort gemacht habe.
Auch die Spielfilme des Programms vermeiden einfache Darstellungen. Gleich mehrere Beiträge erzählen von Begegnungen zwischen jüdischen und palästinensischen Protagonisten. Im Eröffnungsfilm „Zaytoun“ (Szenenbild links), dem neuen Film von Eran Riklis („Lemon Tree“), sind es ein israelischer Soldat und ein palästinensischer Schuljunge, die sich während der israelischen Besetzung in Libanon 1982 zu einem Zweckbündnis zusammenschließen. In dem fein besetzten Film schlüpft US-Star Stephen Dorff in die Rolle des über einem Flüchtlingslager abgeschossenen Fliegers, der seinem jungen palästinensischen Bewacher einen Deal vorschlägt: Im Gegenzug für seine Befreiung lotst er den Waisen in das ehemalige Heimatdorf seiner Familie.
Out In The DarkWeniger harmonisch ist der Grundton von „Out In The Dark“ (Szenenbild rechts). Darin gerät ein junger Palästinenser aus Ramallah zwischen alle Stühle: Zum einen entschließt er sich gegen die Devise des militanten älteren Bruders und beginnt ein Studium in Tel Aviv. Verschärft wird seine Zerrissenheit durch sein Schwulsein, das er nur an seinen Studientagen ausleben kann. Die Liebe zu einem Israeli macht ihn schließlich auf vielseitige Weise verwundbar. Zunächst ein romantischer Jugendfilm, wandelt sich Michael Mayers Kinodebüt zum realistisch beobachteten Drama, das auf seine Weise von der Unmöglichkeit eines normalen Lebens zwischen den Frontlinien im Nahen Osten erzählt. Die Dringlichkeit des Problems klingt im diesjährigen Motto des Festivals an: „We Come in Peace“.

Text: Ulrike Rechel

Foto „No Place On Earth“: Senator Film Verleih

Foto „Zaytoun“: Eitan Riklis / Senator Film Verleih

Foto „Out In The Dark“: Pro-Fun Media Filmverleih

19. Jüdisches Filmfestival Berlin & Potsdam, Mo 29. April bis So 12. Mai, Potsdam Museum, Arsenal, Eiszeit, Filmkunst 66, Kino Toni

Eröffnung am Mo 29. April mit der Festivalgala „Zaytoun“ im Hans-Otto-Theater, Potsdam

www.jffb.de

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