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20 Jahre Arthaus im filmkunst 66

Die Blechtrommel

Als Oskar Matzerath 1979 mit seiner kleinen Blechtrommel eine Nazi-Versammlung aus dem Takt brachte, da war die literarische Vorlage von Günter Grass gerade einmal zwanzig Jahre alt. Also ziemlich genau so alt wie die Bewegung junger deutscher Filmemacher, die Papas Kino dem Abschied einreichten. Und genau so alt wie die französische „Neue Welle“, die um 1960 ein neues Kino erfand, in dem sich Liebe zu Hollywood mit Liebe zum italienischen Neorealismus auf originelle Weise verband. 1979 waren die Helden des Neuen deutschen Films auf dem Höhepunkt oder knapp darüber. Und es begann etwas Neues, was sich am besten mit einem amerikanischen Namen verbindet: Jim Jarmusch prägte das Autorenkino der Achtzigerjahre wie kaum jemand anderer.
„I scream, you scream, we all scream, for icecream“, dieser Vers von Roberto Benigni ist bis heute das Signal, bei dem sich alle verstehen, die „Down by Law“ gesehen haben. Dass Jarmusch einen italienischen Komiker in sein Popuniversum aufnahm, zeugte von untergründigen Verbindungen, denen das Kino folgen konnte. Und so ist eine der interessanten Spuren, die durch das Festival 20 Jahre Arthaus führen, auch eine, die transatlantische Beziehungen verfolgt. Es ist natürlich eher eine Zufallsmenge, die diese 20 Filme ausmachen, mit denen der aus der Firma Kinowelt hervorgegangene Verleih Studiocanal die ersten 20 Jahre seines Labels Arthaus feiert.
FitzcarraldoDer Begriff, der hier eingedeutscht wurde, ist schillernd: „Arthouse“, wie im Englischen die Kinos heißen, die nicht Mainstream spielen, sondern Kunst, Arthouse kann eine ganze Menge sein. Eine deutsche Prestigeliteraturverfilmung, die durch glückliche Umstände zu einem Dokument vielschichtiger randdeutscher Kultur wurde („Die Blechtrommel“); ein Kriegsfilm von einem Außenseiter Hollywoods („Die durch die Hölle gehen“ von Michael Cimino); ein Rührstück nach einem Roman von Michael Ondaatje, in dem eine englische Krankenschwester im Krieg einen entstellten ungarischen Grafen ins Leben zurückführt („Der englische Patient“). Und daneben französische Klassiker wie „Die große Illusion“ oder „Außer Atem“. Und dazwischen Werner Herzogs mörderische Schiffsschlepperei „Fitzcarraldo“, David Lynchs „Elefantenmensch“ oder Jacques Tatis „Trafic“ und schließlich der erste Film, der historisch schon das Label trug, das Arthaus dann übernahm: Als Thomas Vinterbergs „Das Fest“ 1998 herauskam, begann die ältere Idee von (häufig kommunalen) Programmkinos zu verschwinden, und an deren Stelle traten, häufig in denselben Kinos, neue Inhalte für „Kunsthäuser“. Dahinter steckte nicht so sehr ein höherer Anspruch, sondern häufig eine Verbrämung kommerzieller Interessen.
Was Arthaus vertritt, ist ein anderes Konzept, das man eher mit dem Programm einer britischen DVD-Reihe wie „Masters of Cinema“ vergleichen könnte. Die „Meister des Kinos“ sind diejenigen, die mit ihren Projekten die kommerziellen Beschränkungen überwinden, und damit häufig erst recht Geld verdienen. Ein gutes Beispiel wäre Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now“, der heute in seiner Redux-Version zirkuliert. Ein epochaler Kriegsfilm mit Marlon Brando, in dem das amerikanische Vietnam-Trauma mit einem langwierig vorbereiteten Opferritual exorziert wird.

Foto „Die Blechtrommel“: Kinowelt GmbH

Foto „Fitzcarraldo“: Studiocanal

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