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„2012“ von Roland Emmerich im Kino

Der Knacks ist gleich am Anfang da. Ein Riss im Asphalt, der unter der schwarzen Stretch-Limousine beginnt und sich bis hinunter an den Pazifikstrand zieht. Dass Jackson Curtis in „2012“ nicht gleich bemerkt, wie sich unter ihm langsam die Erde auftut, liegt an dem viel größeren Kna­cks, der durch sein eigenes Leben geht. Roland Emmerichs Held ist erfolgloser Schriftsteller (mit einem unerfreulichen Nebenjob als Chauffeur eines russischen Oli­gar­chen), ein Scheidungsvater, der den Ferienbeginn seiner Kinder verschläft und dann noch erleben muss, dass sein Auto nicht anspringt.
Jackson (John Cusack) ist eine Figur wie aus F. Scott Fitzgeralds Erzählung „The Crack-Up„, dem ul­timativen Buch über depressive Trinker und gescheiterte Schriftsteller. „Im Grunde ist alles Leben ein Prozess des Niedergangs„, schreibt Fitzgerald darin, und wie bei ihm zeigen die Schläge auch in „2012“ ihre Wirkung nicht mit einem Mal, sondern hinterlassen erst einmal feine Risse, Fluchtlinien, den Knacks.
Jackson Curtis ist der Autor eines mehr als schlecht verkauften Buches über die Apokalypse, das im Grunde die Geschichte von Emmerichs Films vorwegnimmt. Ein Untergang der Zivilisation, in dem sich wahre Humanität beweisen muss.
Sollen wir uns also fürchten vor dem Weltende? Vor dem Film, der die Menschheit auslöscht, vor dem Epochenbruch und dem dräuenden Ablauf des Maya-Kalenders im Jahr 2012? Nicht wirklich, auch wenn „2012“ erhabene Bilder findet, von versinkenden Kontinentalplatten oder neuntausend Meter hohen Tsunamis über den Gipfeln des Himalayas.
Zum Fürchten ist vielleicht die Schonungslosigkeit, mit der Emmerich die komplette Auslöschung der Zivilisation mit Mil­liarden Opfern zum Material für Comedy und Action macht. Wenn hier die Skyscraper von Downtown Los Angeles oder Las Vegas ineinanderstürzen, dann interessiert er sich mit serieller Monotonie nicht für die Opfer, sondern nur dafür, wie sich ein Auto und noch ein Auto, ein Flugzeug und noch ein Flugzeug durch die Trüm­merwolken hindurchschlängeln können.
Schwäbisches Spielbergle“ – diesen leicht herabsetzenden Titel trägt Emmerich seit Jahrzehnten mit sich herum. Das nahm Bezug auf seine Special-Effects-Verliebtheit, seinen Hang zum großen Format, aber der Scherz ist erst richtig sinnvoll in Bezug auf die schlichten Storylines, mit denen er seine Apokalypsen wie zuletzt in „The Day After Tomorrow“ verschneidet. Es gibt ein grandioses Missverhältnis zwischen der virtuosen Beherrschung der Trick­technik (Emmerichs erfolgreichste Arbeiten sind im Grunde hochbudgetierte Animationsfilme), dem im Yosemite-Park aufplatzenden Supervulkan oder dem Flugzeugträger, der übers Weiße Haus gespült wird, zwischen den Lavastürmen, die ganze Kontinente verbrennen – und der Konstruktion seiner Mikrogeschichten, die dahinter weit zurückbleiben.
Alles wird zurückgebunden, die ganze Welt muss nur unter­gehen, um den Riss in der Beziehungswelt unseres Helden zu kleben, ohne dass sich daraus übrigens, und das ist besonders traurig fürs Weltende, nur eine einzige interessante weibliche Figur schälen dürfte. Die originale Kleinfamilie will gekittet, auf eine Arche gerettet und der Konkurrent geschreddert werden. Nicht Neutrinos und Sonnenwinde heizen den Erdkern auf, wie „2012“ behauptet, sondern eigentlich stammt die Energie aus dem Unbewussten des Helden, der seinen Crack-up überwinden will.
Im Katastrophenkino ist das nicht neu, es erinnert an die Heldin von Camerons „Titanic„, die nicht als tragisches Opfer, sondern als au­tonome, emanzipierte Frau aus der Enge der untergehenden Bürgergesellschaft in die Freiheit Amerikas entkommt. Ihr hat ein versinkender Ozeandampfer zum Glück gereicht. Nun muss es die ganze Welt sein, um einen banalen Paarkonflikt beizulegen.

Text: Robert Weixlbaumer

tip-Bewertung: Zwiespältig

Orte und Zeiten: „2012“ im Kino in Berlin

2012, USA 2009; Regie: Roland Emmerich; Darsteller: John Cusack (Jackson Curtis), Chiwetel Ejiofor (Adrian Helmsley), Amanda Peet (Kate Curtis); Farbe, 150 Minuten

Kinostart: 12. November

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