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23 Bond-Filme in sieben Tagen

Skyfall

Am 5. Oktober 2012, präzise 50 Jahre nach der Weltpremiere von Bond Nummer eins, „Dr. No“, wurde das wuchtige Titellied zum nunmehr 23. Film der Reihe, gesungen von der Britin Adele, auf YouTube als Appetitmacher auf den weltweit startenden Film hochgeladen – ein Nullvideo wohlgemerkt, das aus nichts als Rauchschwaden und den eingeblendeten Textzeilen des Songs besteht. Zwei Wochen nach dem Upload hat der Clip 34 Millionen Zugriffe. Man sieht schon: Der Erwartungsdruck ist nicht gering.
Er habe seinem Helden den denkbar simpelsten, banalsten und langweiligsten Namen geben wollen, hat einst der Schriftsteller Ian Fleming berichtet, der zwischen 1953 und 1966 14 Bond-Bücher publizierte: Er hatte einen absolut uninteressanten Spion im Sinn, dem die ungeheuerlichsten Dinge nur zustießen – ein reiner Befehlsempfänger, stumpf und anonym. Diese Idee hat sich langfristig nicht durchgesetzt, weil das Kino Glamour braucht. So verwandelte sich die Figur des britischen Agenten 007 in den 60er-Jahren in einen Pop-Mythos, in den sich alles einschreiben ließ und lässt: Sex und Verbrechen, Scherz und tödlicher Ernst, Politik und Eskapismus, Gewalt und Tourismus.
So sehr man Mühe hat, sich vorzustellen, dass es Menschen gibt, die James-Bond-Filme tatsächlich brauchen, so wenig ist zu leugnen, dass sie alle irgendwie zu Klassikern geworden sind: zu Klassikern eines Kinohedonismus, der wohl schon in den 60er-Jahren ein wenig antiquiert wirkte – und sich dennoch als völlig zeitlos erwiesen hat. Wie aber konnte das passieren? Und was ist kulturell aus der offenbar lückenlosen Bond’schen Krisensicherheit zu schließen? Dies sind die Ausgangsfragen eines Versuchs, dessen Verlauf und Ergebnisse hier protokolliert werden: Alle 23 Bond-Filme in der Reihenfolge ihres Entstehens an insgesamt sieben Tagen durchzusehen. Eine Woche für ein halbes Jahrhundert: Spionage-Muff aus 50 Jahren.

Tag 1
James Bond jagt Dr. No (1962)
Liebesgrüsse aus Moskau (1963)
Goldfinger (1964)

Sean Connery als James Bond in Die erste Überraschung kommt gleich nach dem Löwengebrüll des MGM-Logos: „Dr. No“ beginnt nicht mit John Barrys blechernem Orchester, das man seit jeher mit der Bond-Serie verbindet, sondern mit fiepsender elektronischer Musik. Leider endet die Klang-Avantgarde nach kaum 20 Sekunden wieder, und das Bild wird freigegeben für die Uraufführung einer Ikone: Ein Mini-Agent, durch den Lauf einer Waffe betrachtet, der wie die leicht geöffnete Blende einer Kamera aussieht, dreht sich jäh zum Zuschauer – und feuert auf ihn. Der Schuss sitzt, Trickfilmblut rinnt von oben nach unten übers Bild. Das ist erstaunlich konfrontativ gedacht: Auf einen James-Bond-Film blickt man von Anfang an als Widersacher.
In Minute acht von „Dr. No“ sitzt der Schotte Connery, Anfang 30, in feinster Abendkleidung am Spieltisch, zündet sich mit Dackelblick eine Zigarette an und stellt sich seiner Baccara-Gegnerin mit der gewohnten Kombination aus Nach-, Vor- und Nachname vor. „Dr. No“ ist Low-Budget-Pulp-Fiction, formelhaft bis zum Abwinken.
An „From Russia with Love“ ist nichts sehenswerter als die kaltschnäuzige Brecht-Komplizin (und Kurt-Weill-Witwe) Lotte Lenya, die hier als russische Gegenagentin mit Giftklingenschuh einen ihrer seltenen Filmauftritte absolviert. Ihr Chef heißt Ernst Stavro Blofeld, ein destruktives Genie, das Bond bis in die frühen 80er-Jahre terrorisieren wird. Die Serie nimmt nebenbei Gestalt an: Es gibt Städtetourismus (Venedig, Istanbul) und phantasievolle Spezialausrüstung.
Mit „Goldfinger“ avanciert die Marke Bond endgültig zum Welthit, der „Midas-Touch“, von dem Shirley Bassey hier singt, ist den Produzenten Albert R. Broccoli und Harry Saltzman tatsächlich zu attestieren: Aus einem Budget von drei Millionen Dollar machen sie mit „Goldfinger“ weltweit 125. Die Sadismusschraube wird angezogen, ein Attentäter mit Stromschlag in der Wanne exekutiert. Und erstmals wird der schöne Aston Martin ausgefahren. So macht Bond selbst die härtesten Frauen mürbe, von denen in „Goldfinger“ eine auf den unvergesslichen Namen Pussy Galore hört.

Tag 2
Feuerball (1965)
Man lebt nur zweimal (1967)
Im Geheimdienst ihrer Majestät (1969)
Diamantenfieber (1971)

Die Panik des Kalten Kriegs zeichnet sich in „Thunderball“ ab, Atombomben werden gestohlen, aber das ist nur ein Vorwand für die Spannungsspaßspiele, die sich in der Welt der hydraulischen Geheimtüren und fabrikwerkshallengroßen Besprechungssäle so gut veranstalten lassen. „You Only Live Twice“, geschrieben übrigens von Roald Dahl, bringt die Erde wieder an den Rand eines Atomkriegs. 007 wird in Tokio in Stellung gebracht, wo man ihn „Bond-san“ nennt. Wer immer die Geisha-Kultur erfunden hat: Er muss dabei an James Bond gedacht haben.
Ein neues Gesicht: Der australische Ex-Autohändler George Lazenby, frisch gecastet aus einem Schokocreme-Werbespot, drückt in „On Her Majesty’s Secret Service“ mit seinem unpraktischen Darstellungsstil Bond gar nicht unstimmig auf B-Picture-Niveau.
Lazenby hat nicht annähernd das Format der Breitwandbilder dieses Films: Er betont den Namen der Renaissance-Dynastie Medici auf der zweiten Silbe, was ungefähr so kultiviert klingt wie „Macchiato“ mit feuchtem „tsch“ mittendrin. Den Kosmopoliten Bond, der noch in „You Only Live Twice“ lächelnd das Japanisch-Wörterbuch abgelehnt hat, weil er selbstverständlich auch orientalische Sprachen studiert hat, kann Lazenby hier jedenfalls nicht ganz glaubhaft verkörpern.
Mit „Diamonds Are Forever“ hat Blofelds strikt unpolitische Weltterrororganisation „Spectre“ ausgedient – ebenso wie Sean Connery, der seinen Part schon 1971 so lustlos abspult, wie nur Auslaufmodelle das können.

Tag 3
Leben und sterben lassen (1973)
Der Mann mit dem goldenen Colt (1974)
Der Spion, der mich liebte (1977)

Roger Moore als James Bond in Mit lausbübischem Charme, den er direkt aus der Fernsehserie „Die Zwei“ (1971/72) in den Bond-Kosmos trägt, bringt Roger Moore zwar einen neuen Tonfall ein, kann aber an den Konstanten der Serie (Sexismus, Urbanismus, Exotismus, Aktionismus) auch nichts ändern. Es ist nicht zu übersehen: James Bond ist zur Routine-Veranstaltung geworden. Wenn „You Only Live Twice“ der japanische Bond war, so ist „Live and Let Die“ der schwarze Bond: Gedreht zur hohen Zeit der Black Panthers, in Harlem, Louisiana und Jamaica, etabliert Regisseur Guy Hamilton Yaphet Kotto als Hauptschurken. Dramaturgisch lässt der Film zu wünschen übrig.
„The Man with the Golden Gun“ macht deutlich, wie nötig es ist, die gepflegte Langeweile, die James Bond verströmt, mit einer Extraportion Bosheit zu konterkarieren. Christopher Lee, der Mann mit der Goldwaffe, stiehlt Moore die Show – nicht nur mit seiner dritten Brustwarze. Die Müdigkeit der Bond’schen Ironie ist inzwischen mit Händen zu greifen. Die merklich rückläufigen Einspielergebnisse bestätigen die schwindende Strahlkraft der Serie. „The Spy Who Loved Me“ stellt das öffentliche Grundvertrauen wieder her: Schurke Curd Jürgens wird von dem mit Stahlzähnen ausgestatteten, 2,17 Meter großen US-Schauspieler Richard Kiel (er heißt hier tatsächlich „Jaws“) ausgestochen.

Tag 4
Moonraker (1979)
In tödlicher Mission (1981)
Octopussy (1983)
Im Angesicht des Todes (1985)

MoonrakerImmer noch Roger Moore: Sieben auf einen Streich, das hat nicht mal Sean Connery geschafft. Unter den sieben Filmen selbst ragt allenfalls „Moonraker“ heraus – schon weil es der letzte ist, den Ken Adam mit seinem unvergleichlichen Design versieht, und weil Eisenbeißer Richard Kiel sich darin bizarrerweise von der Bond-Nemesis zum Alliierten wandelt. Aber die drei letzten Moore-Arbeiten lassen den ästhetischen Abstieg von quietschbunten Pop-Artikeln zur Action-Dutzendware bereits ahnen. Wie wenig es im Bond-Universum übrigens um Regie geht, beweisen die beiden meistbeschäftigten Regisseure: Auf das Konto der Briten Guy Hamilton und John Glen gehen neun der 23 Filme. Außerhalb der Bond-Welt haben beide nie irgendetwas von Bedeutung gedreht.
Unter den vielen Nonsens-Titeln, die man Bond-Filmen im vergangenen halben Jahrhundert gegeben hat, nimmt „Octopussy“ (in scharfer Konkurrenz mit „Ein Quantum Trost“ und „Der Morgen stirbt nie“) einen Spitzenplatz ein. Danach waren die literarischen Vorgaben Flemings erschöpft: „A View to a Kill“ kam 1985 als erster Bond ohne Romanvorlage in die Kinos.

Tag 5
Der Hauch des Todes (1987)
Lizenz zum Töten (1989)
Goldeneye (1995)

Pierce Brosnan als James Bond in Nach mehr als 1.700 Minuten Bond machen sich erste Verschleißerscheinungen bemerkbar. Die trivialen, aber korrosiven Setzungen des musikalischen Leitmotivs haben inzwischen sadistische Züge angenommen. Es ist äußerst instruktiv, diese Arbeiten direkt hintereinander zu sehen, nur so lässt sich die Formelhaftigkeit ihrer Produktion tatsächlich erkennen. Die von Film zu Film oft bis ins Detail kopierten Faustkämpfe, die immer gleich arrangierten erotischen Ruhephasen, die Standards von Autoverfolgung, Casino-Besuch und Unterwasser-Action: All das wird erst in der Bond-Blockveranstaltung wirklich deutlich.
Mit Timothy Dalton übernimmt ein Schmalspur-Agent die Position. „The Living Daylights“ und „Licence to Kill“ stellen, ihren Titeln entsprechend, auf anonyme Gewaltanwendung um: Kino ohne besondere Kennzeichen. Eine berühmte Figur scheint sich im Nichts zu verlieren. Nach nur zwei Dalton-Auftritten übernimmt Pierce Brosnan die Rolle, und mit ihm kommt wieder ein Hauch Roger Moore ins Spiel: ein betont eleganter, auch süffisanter Bond. Regisseur Campbell liefert mit „GoldenEye“ zwar keinen außerordentlichen Film ab, aber doch einen Vorgeschmack auf seinen elf Jahre später erfolgenden Bond-Reboot mit „Casino Royale“.

Tag 6
Der Morgen stirbt nie (1996)
Die Welt ist nicht genug (1999)
Stirb an einem anderen Tag (2002)

Über die drei kunst- und gedankenlosen Actiongewitter, die um Pierce Brosnan anschließend entfesselt werden, breitet man in Ermangelung relevanter Ereignisse den Mantel des Schweigens. 2002 ist die Marke Bond zu einem Synonym für Humorlosigkeit geworden, zu einem Garanten filmischer Glanzlosigkeit. Allein die große Shakespeare-Darstellerin Judi Dench, die seit „GoldenEye“ als MI6-Chefin M fungiert, versteht es, sich einigermaßen würdevoll aus der Affäre zu ziehen.

Lesen Sie hier: Tag 7: Casino Royale, Ein Quantum Trost und Skyfall

Text: Stefan Grissemann

Foto Daniel Craig in „Skyfall“ (oben): 2012 Sony Pictures Releasing GmbH

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