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Teil 2: 25 Jahre „Berlin – Ecke Bundesplatz“

Berlin_Ecke_Bundesplatz_Baeckerei_im_Kiez_06_c_IngeborgUllrichAuf kurzer Meile am Rand der Wilmersdorfer Ruhezonen war in den Achtzigern – vor dem Mauerfall, vor der Ku’damm-Love-Parade-Ära, vor den Party-Zonen in den Mitte-Zwischenorten – einiges los. Das Transit-Gefühl blieb irgendwie immer, wenn man zu den Kinos am Ku’damm und Olivaer Platz aufbrach und in der Uhlandstraße beim ­Italiener Ciao landete – der vom Prä-68er-­Bonus des frechen Reichskabaretts zehrte, das Volker Ludwig und sein Kabarett-Kompagnon Volker Kühn in der Pariser Straße gegründet hatten. Nie wurde Wilmersdorf so chic und „schau“ wie Charlottenburg rund um den Savignyplatz und die Schlüterstraße. Aber hart an der Kante der gediegenen Kiez-Wohninseln machte in der Nürnberger Straße der Dschungel auf, lebte Rolf Edens Keller-­Discothek am Ku’damm weiter, pendelten auch Kreuzberger ans obere Ende des Boulevards, wo das von Baghwan-Anhängern betriebene Far-Out zum Tanzen anheizte. In dieser Zeitgeist-Atmosphäre zog die Schaubühne von Kreuzberg in den Wilmersdorfer Westen, ins denkmalgeschützte, bombastisch betonaffin ausgebaute ehemalige Universum-Kino, ein von Erich Mendelsohn 1928 erbautes Klinker-Ensemble, in dessen Nebenhaus sich das Far-Out befand. Zehn Minuten Fußweg davon entfernt am Olivaer Platz saßen in den Cafйs, Kneipen und dem kleinen Madows-Club die Yuppies der Kohl-Ära, Söhne und Töchter von Hausbesitzern in Dahlem, Grunewald und Zehlendorf und feierten sich mit Cocktails statt Bier, Gold am Hals, extra langen Zigaretten. Große Autos, Ibiza-Gespräche und Verabredungen für die Tennisplätze am nahe gelegenen Preußenpark gehörten zum Ritual. Um die Ecke hielt im Bovril am Ku’damm der Schriftsteller Jurek Becker Hof. Ein paar Minuten entfernt in östlicher Ku’damm-Richtung sah man das etablierte ältere Publikum vor der Komödie am Kurfürstendamm seinen Prosecco süffeln, und wieder ein wenig weiter östlich traf man sich im Literaturhaus in der Fasanenstraße zu Leseabenden, nicht weit davon in der Freien Volksbühne zu Theateraufführungen, die sich nicht immer einleuchtend um ästhetische Innovation bemühten.

Wilmersdorf mochte den bürgerlich gediegenen Beigeschmack nicht loswerden, aber was diese Zuschreibung umfasste, wie sich das großstädtische Leben innerhalb dieses Rahmens allmählich änderte, war schwer auf einen Punkt zu bringen. In den Achtzigerjahren begannen viele Wilmersdorfer, Fleisch von gesunden Kühen bei Bachhuber in der Güntzelstraße und Brot mit Öko-Siegel bei Weichardt zu kaufen. Weingeschäfte machten auf, mediterrane Feinkostläden ebenso. Da kauften die, die Geld hatten, die anderen fuhren mit der U-Bahn in die in Charlottenburg gelegene Fußgängerzone Wilmersdorfer Straße oder in die boomende Kaufhausmeile an der Steglitzer Schloßstraße. Die letzten Tante-Emma-Läden wurden in Kinderläden, Rechtsanwalts- und Versicherungsbüros verwandelt. Ein Heer von Heilpraktikern, Physiotherapeuten und Pflegestationen siedelte sich an. In Wilmersdorf kann man getrost alt werden, denn die meisten Ärzte und Zahnärzte der Stadt praktizieren hier. Hochgerechnet auf den Doppelbezirk Charlottenburg-Wilmersdorf leben hier unter rund 325?000 Einwohnern nahezu 70?000, die älter als 65 Jahre alt sind. Nur um die 23?000 Kinder bis 15 Jahre stehen ihnen gegenüber. Unter den rund 60?000 Migranten des Bezirks stammt die größte Zahl aus Polen, Russland und den Balkan-Staaten, nur rund 6?000 Türken sind darunter. Die meisten Berliner und Berlinerinnen mit einem Hochschul- beziehungsweise Fachhochschulabschluss sind hier ansässig.

Berlin_Ecke_Bundesplatz_Feine_Leute_07_c_IngeborgUllrichIn den Achtzigerjahren initiierte der Bezirk Wilmersdorf Publikationen, die sich mit dem Woher und Wohin dieses seltsam unscheinbaren Stadtteils auseinandersetzten, quasi den sprichwörtlich gewordenen Wilmersdorfer Witwen auf den Grund gehen und die tatsächliche Widersprüchlichkeit unterhalb der Oberfläche ausloten wollten. Zeitnah zum 750. Stadtjubiläum 1987 untersuchte man kritisch, wie der autofixierte Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg Wilmersdorf verändert hatte, wie zum Beispiel die einstige Kaiserallee – heute Bundesallee, die den Ku’damm mit Friedenau und Steglitz verband und durch Vorgärten und Stuckarchitektur ein eleganter Boulevard gewesen war – am Ende nur noch eine tote Ausfallstraße Richtung Autobahn darstellte. Man stellte auch groß heraus, wie viele Künstler des frühen 20. Jahrhunderts dem neuen Westen Wilmersdorf einst ihren Glanz gegeben hatten, darunter Heinrich Mann, Valeska Gert, Marlene Dietrich und viele andere. Weiter wurde die Geschichte der Judenverfolgung und der Zerstörung ihrer Synagogen aufgearbeitet, ebenso die Spuren des Widerstands – stellvertretend genannt seien hier viele Bewohner der Künstlersiedlung nahe Rüdesheimer Platz: Birger Forell, der Pfarrer der schwedischen Kirche in der Landhausstraße, und die resolute Maria Gräfin von Maltzan, die Juden versteckte, Kindern aus einem russischen Kriegsgefangenenlager das Überleben sicherte und ihren Kopf mehr als einmal riskierte. Die albernen Wilmersdorfer Witwen funktionierten unter dieser Perspektive als Symbol für eine spöttisch beiläufige Geschichtsbearbeitung, für den Paradigmenwechsel im Kleinen, dem auch die Stolpersteine zu verdanken sind, die an die einst deportierten jüdischen Wilmersdorfer erinnern. Volker Ludwig weist jeden Gast auf die markante Zahl der Stolpersteine vor seinem Haus nahe dem Nikolsburger Platz hin.

Wie fühlte sich das normale Leben in den Wohninseln an? Was geschieht in einem Kiez, der nicht ins Problemschema eines sozialen Brennpunkts passt? Gibt es Nachbarschaft? Vergnügungen, die nichts kosten? Was bedeutet Glück im Alltag? Was lässt Menschen taumeln, scheitern, neu beginnen? Wie sehen Biografien aus, die weder in Schlagzeilen noch in Talkshows verhandelt werden? Der Bundesplatz ist heute ein untertunnelter Moloch, ein verkehrsreicher Platz, dessen Seitenränder zum Einfädeln Richtung Stadtautobahn benutzt werden. Städtische Atmosphäre existiert hier nur noch rudimentär. 2011 haben drei Cineasten das seit 1919 existierende kleine Bundesplatz-Kino wiederbelebt und technisch runderneuert. Hier werden nun die vier neuen Filme – ­“Bäckerei im Kiez“, „Feine Leute“, „Schornsteinfeger-Glück“ und „Vater Mutter Kind“ im Rahmen des Berlinale-goes-Kiez-Programms uraufgeführt. Das Kino taucht in den Milieu-Skizzen der Serie zu allen Jahres­zeiten auf, während draußen das Alltagsleben der Protagonisten mit der Zeitgeschichte zu einem Bild der deutschen Wirklichkeit verschmilzt.

Text: Claudia Lenssen

Fotos: Ingeborg Ullrich

Serien-Geschichte
Seit mehr als 25 Jahren erzählen die Filmemacher Hans-Georg ­Ullrich und Detlef Gumm in ihrer Langzeitbeobachtung von den Menschen, die rund um den ­Bundesplatz in Berlin-Wilmersdorf leben. Mehr als 35 Stunden an ­Filmen sind so über die Jahre entstanden. Am 9. Februar feiert die Berlinale das Projekt mit einem Ausflug in das renovierte Bundesplatz-Kino, wo die vier jüngsten –und wohl letzten – Filme Premiere haben werden. Bis zum 13. Februar wiederholt das Kino die Filme hier am eigenen Schauplatz. Ab dem 19. Februar sind die vier neuen Folgen auch bei 3sat zu ­sehen, ab 26.2. strahlt der rbb sie aus, auch hier ergänzt durch ältere Filme. Parallel erscheint bei ­Absolut Medien eine DVD-Gesamtausgabe. Bereits am 9. Februar schaltet die Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen zur Berlinale-Premiere eine Webseite frei, die auch zahlreiche ­Materialien rund um die Serie ­versammelt (www.berlin-ecke-bundesplatz.de).

Der Band unserer Autorin Claudia Lenssen bereitet auf all diese Ereignisse bestens vor: Ihre umfassende Gesamtschau folgt den Filmen und deren Protagonisten durch den Kiez und die ganze Stadt.  „Berlin – Ecke Bundesplatz“ ­erscheint Anfang Februar in der berlin edition im be.bra Verlag (304 Seiten, 16,95 Ђ).

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