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25 Jahre „Berlin – Ecke Bundesplatz“

Berlin_Ecke_Bundesplatz_Baeckerei_im_Kiez_04_c_IngeborgUllrichDas waren noch Zeiten, als Wilmersdorf mit dem Grips-Theater-Musical „Linie 1“ welt­bekannt wurde. Vier alte Damen mit Hütchen, Täschchen und Schirm räumen da in einer Lachnummer den Applaus ab: „Vom Ku’damm bis zum KaDeWe / sind wir die Sahne im Kaffee.“ Das schwarz gekleidete Quartett wirft die Beine, tanzt den Adolf Hitler, nörgelt über die Jugend von heute, die Linken und überhaupt: „Ja, wir Wilmersdorfer Witwen verteidigen Berlin / sonst wär’n wir längst schon russisch, chaotisch und grün. / Was nach uns kommt, ist Schiete, denn wir sind die Elite.“ Steilvorlage für dieses als Travestie überzogene Kabarettstück waren die dauergewellten Damen, die im bürgerlichen Südwesten der geteilten Stadt Berlin noch in den Achtzigerjahren ein braun gefärbtes Fluidum prägten. Soziopathische Besserwisserei gehörte zwar zur allgemeinen mentalen Grundausstattung der Hauptstadt des Kalten Krieges, aber Grips-Theater-Chef und Musical-Autor Volker Ludwig fand die verwöhnten, gut versorgten, ewig gestrigen Witwen vor seiner Wilmersdorfer Haustür. Sie waren leibhaftige Relikte des Nazi-Beamtentums, das rund um die protzigen NS-Dienstgebäude am Fehrbelliner Platz systematisch angesiedelt worden war. Peinlich, dass sogar eine mit Blattgold verzierte Straßenlampe im Berliner Gaslaternen-Museum den Beinamen Wilmersdorfer Witwe erhielt.

Mitte der Achtzigerjahre, als „Linie 1“ seinen Siegeszug auf den Weltbühnen antrat, begannen die Dokumentarfilmer Detlef Gumm und Hans-Georg Ullrich mit dem ­Experiment „Berlin – Ecke Bundesplatz“, das Berlin-Klischees aus den Angeln heben sollte. Es war die Zeit, als Kreuzberg seinen Ruf als Multikulti-Quartier wie eine schicke Bauchbinde zu tragen begann, Schöneberg vom Ruhm der Hausbesetzer-Ära zehrte. Die Arbeiterhelden, die den neuen deutschen Film bevölkert hatten, waren unter der Regierung Kohl wie ruhiggestellt, die hochfahrende Rebellion der 68er war längst in Geld- und Leistungskarrieren eingemündet. Der Kalte Krieg war lau geworden. West-Berlin war auf dem Sprung, sich zu einer Drehscheibe zwischen Ost und West zu mausern. Wie aber kam das alles bei den kleinen Leuten an? Ausgerechnet der mächtige Fernseh­sender WDR in Köln interessierte sich für ­“Geschichte von unten“, für die doku­mentarische Perspektive auf das Leben von Wilmersdorfer Normalos. Gumm und Ullrich standen mit zahlreichen Dokumentarfilmen ihrer Firma Känguruh-Film für einen schlichten, nur mit methodisch verfeinerter Sensibilität zu erreichenden Stil, der sich etwa mit Agnиs Vardas Filmessay „Daguerrйotypes“ über ihre Nachbarschaft in der Pariser Rue Daguerre vergleichen ließ.

Berlin_Ecke_Bundesplatz_Feine_Leute_01_c_IngeborgUllrichGeduldiges, nicht bevormundendes Hinschauen und Zuhören war ihr Credo – eine dokumentarische Genauigkeit ohne These, ohne journalistische Abfrage, ohne Voyeurismus und inszenierende Rekonstruktion von vergangenen Ereignissen. Schwierig zu planen, einzufangen, aufwendig zu montieren waren solche Milieu-Skizzen und Porträts. Die organisierte Spontaneität der Filmemacher, die sie in rund hundert Filmen bewiesen, sollte den Blick auf das Biotop West-Berlin jenseits der Klischees öffnen. Damals war das öffentlich-rechtliche Fernsehen noch nicht auf die ­Konkurrenz zu den Privatkanälen eingeschwenkt, die Quote war noch kein Fetisch.  So begannen Detlef Gumm und Hans-Georg Ullrich 1986 mit ein paar Tausend Postwurfsendungen rund um den Sitz von Känguruh-Film damit, mögliche Protagonisten zu finden. Känguruh – der Name sollte an das Beuteltier erinnern, das sich im ersten deutschen Film der Brüder Skladanowsky seinem Dompteur zum Boxkampf stellte. Auf Konfrontation waren sie selbst nie aus, eher darauf, dass – bildlich gesprochen – niemand einem Känguru zutrauen würde, eine Kamera „im Beutel zu tragen“. Ihre Methode war und ist bis heute die Empathie, eine Form nachbarschaftlichen Zusammenseins, aus dem heraus die Situationen entstehen, in denen Menschen über sich und ihre Befindlichkeiten, über Glück, Arbeit, Träume, Scheitern erzählen, erstaunlich frei, konzis, humorvoll und selbstironisch.

„Berlin – Ecke Bundesplatz“ hätte ähnlich auch in Tempelhof, Schöneberg oder sonst wo entstehen können, doch der überschaubare Kiez, eingeklemmt zwischen Bundesplatz und Blissestraße, Volkspark und Stadtautobahn war nun einmal die Gegend, in der Känguruh-Film sein Büro hatte. Bis zum vorläufigen Ende der Dreharbeiten 2012 war es ein Vierteljahrhundert lang nicht nur Planungsbüro und Schneideraum, sondern auch ein Kiez-Treffpunkt, wo die Filmemacher mit ihren Protagonisten – anfangs 35, später rund zehn Personen – über anstehende, vielleicht filmisch substanzielle Ereignisse sprechen konnten. So waren sie in „Berlin – Ecke Bundesplatz“ nicht Objekte cineastischer Neugier, sondern mitdenkende, mitplanende Helden ihres unspektakulären Alltags. Anfangs als Halbstundenfilme im Nachmittagsprogramm der ARD gesendet, wuchsen die Geschichten um den Schriftsteller und Lebenskünstler Reimar Lenz und seinen Lebenspartner, den Maler und Masseur Hans Ingebrand, oder die um die chancenlose kleine Kiezbäckerei Dahms und auch die Familiensaga über die Musikerfamilie Köpcke zu runden 90-Minuten-Filmen an, die die Fernsehspiel-Redaktion des WDR ab den Neunzigerjahren mit den Filmemachern produzierte.

Weitere große Porträts entstanden über die Familie des BVG-Zugabfertigers Gerhard Rehbein, seine musikbegeisterte Ehefrau Gerda und ihren Sohn Thomas, der die Kurve zur bürgerlichen Karriere verpasste. Familie Yilmaz dagegen, deren Eltern zur ersten Gastarbeiter-Generation in der Berliner Waschmaschinenproduktion von Siemens und Bosch gehört hatten, hat sich in Berlin-Wilmersdorf mit einer Gebäudereinigungsfirma niedergelassen und hält die Spannung zwischen Integration in Deutschland und türkischer Heimatkultur gut aus. Der Schornsteinfeger Michael Creutz hat den lukrativen Aufstieg zum Bezirksschornsteinfegermeister geschafft, nicht zuletzt durch Arbeit im wiedervereinigten Berlin, bei Haussanierungen in Lichtenberg, sieht aber angesichts der Energiewende das Ende der fossilen Heizbrennstoffe kommen und seinen Beruf untergehen.

Berlin_Ecke_Bundesplatz_Familie_Lenz_03_c_IngeborgUllrich„Berlin – Ecke Bundesplatz“ ging aus von dem kleinen Kiez mit hundert Jahre alten Mietshäusern, in denen von typischen Wilmersdorfer Witwen bis Post-68ern ein Querschnitt bürgerlicher Lebensentwürfe sichtbar wurde. Die Filme von Detlef Gumm und Hans-Georg Ullrich – in einer DVD-Edition und einem ausführlichen Online-Portal der Deutschen Kinemathek aktuell veröffentlicht und mit vielen archivarischen Details ­liebevoll vergegenwärtigt – kreisen alle um einzelne Protagonisten, ihre Familien und Freunde. Das Leben, das nicht in Schlag­zeilen und Twitter-Meldungen stattfindet, spiegelt sich darin. Doch wer sich auf diese privaten Lebensgeschichten einlässt, findet im Mikrokosmos die großen Geschichten vom Wandel, der Berlin seit dem Mauerfall und der Jahrtausendwende umtreibt. Das unscheinbare, sich unter den Klischees wegduckende Wilmersdorf ist beiläufig ebenfalls Protagonist der unendlichen Filmgeschichte von Detlef Gumm und Hans-Georg Ullrich. Wie in einem Wassertropfen die Gesamtqualität eines ganzen Sees gemessen werden kann, erkunden die Filme den Kiez als Modell des unwiderruflichen Umbruchs. Statt kleiner Bäckereien dominieren die Aufback-Orgien der Supermärkte, die Einzelhandelsgeschäfte wandeln sich zu Spielcasinos, die Mietwohnungen zu Eigentumswohnungen. Das „Gefühl von Reichtum und Exklusivität“, das die Marketing-Prosa auf einer Internetseite für Wilmersdorfer ­Ferienwohnungen feiert, will sich hier nicht einstellen. Die Demonstrationen der 68er-Studentenbewegung hatten am Ku’damm stattgefunden, im Zentrum des alten West-Berlin. Die geträumte Revolution wurde von der FU in Dahlem an den leuchtenden Einkaufsboulevard, vors Amerika-Haus und die Technische Universität exportiert, wo Charlottenburg und Wilmersdorf unmerklich ineinander übergehen. Man fuhr von einem Stützpunkt zum anderen einfach mit der U-Bahn unter Wilmersdorf durch.

Die Gegend dazwischen, eine Ansammlung von Kiezen nahe Uhlandstraße, Bundesplatz und Olivaer Platz, war ruhiges Rückzugsgebiet. Immer mehr herrschaftliche Zimmerfluchten verloren ihre alten Bewohner durch natürlichen Abgang oder Umzug nach Westdeutschland. Wohngemeinschaften etablierten sich wie überall in West-Berlin. Die Leitungen lagen auf Putz, Badezimmer und Küchen stammten aus der ­Blütezeit der Wilmersdorfer Witwen – kein Problem, man pappte einfach eine Verkleidung aus schwedischen Holzpaneelen davor. So mischten sich die Milieus beiläufig, weil neben den Wilmersdorfern alten Schlags die Szene der Zugezogenen wuchs, die sich mit der Anti-Atomkraft-Bewegung und der Friedensbewegung gegen die Stationierung amerikanischer Raketen in Westeuropa identifizierte.

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