Filmfestival

32. Fantasy Film Fest

Auf engstem Raum: Das Fantasy Film Fest setzt in seiner neuesten Ausgabe überraschend oft auf Kammerspiele

Die drei adretten Herren verbringen „An Evening with Beverly Luff Linn“ (Foto: Fantasy Film Fest)

Weniger ist mehr: Erstaunlich viele Filme des diesjährigen Fantasy Film Fests setzen auf Beschränkungen räumlicher, zeitlicher oder personeller Art, nicht selten auch eine Kombination von allen drei Elementen – Kammerspiele, in denen sich zwei Personen gegenseitig an die Gurgel gehen; Häuser, die ihren Schrecken auf die Besucher loslassen; geplante Wohlfühlwochenenden mit tödlichem Ausgang.

Mit letzteren bekommen es sowohl ein lesbisches Ehepaar (in What Keeps You Alive) als auch zwei hetero­sexuelle Paare (in Hell is Where the Home is) zu tun. Wir erleben, wie ein Astronaut allein in seinem – außer Kurs geratenen Raumschiff – auf die Sonne zusteuert (Solis) und das nachtlange Verhör eines Mannes durch einen Polizisten (Keep an Eye Out).

Selbst Dean Devlin, langjähriger Autor von Roland-Emmerich-Blockbustern, übt sich in Bad Samaritan in der Kunst der Beschränkung. Das schnelle Ausrauben einer Villa wird zum Albtraum, als der Räuber in dem Haus eine junge Frau entdeckt, die nach allen Regeln der Kunst an einen Stuhl gefesselt wurde. Der Villenbesitzer (Ex-„Dr. Who“ David Tennant) erweist sich als Psychopath, der an seinen Opfern ausgiebige Erziehungsmaßnahmen durchführt. Blöderweise kam diesem Film kürzlich im Kino der ähnliche konzipierte „Don’t Breathe“ zuvor, so dass man „Bad Samaritan“ wohl nur hier auf der großen Leinwand sehen kann (DVD-Start: 5.10.).

Natürlich schlägt sich auch die aktuelle Lage in den USA in einigen Filmen nieder. Bomb City mag in der Auseinandersetzung zwischen Punks und Preppies etwas schematisch sein, aber diese wahre Geschichte, die sich 1997 in Amarillo, Texas, zugetragen hat, wird erschreckend, wenn in der Rede des Verteidigers vor Gericht das Opfer wegen seines Lebensstils zum Schuldigen erklärt und der junge Mann „aus gutem Hause“, der den Punk mit seinem Wagen über den Haufen fuhr, als wahrer Amerikaner gefeiert wird. Tatsächlich wurde er damals auf Bewährung freigesprochen, die ursprüngliche Geldstrafe von 10.000 Dollar fallengelassen.

Vom konzentrierten Kammerspielschrecken hat sich allerdings David Robert Mitchell, der in „It Follows“ genau diesen so überzeugend entfaltete, mit seinem Nachfolge­werk verabschiedet: In 139 Minuten zelebriert Under the Silver Lake ein Neo-Noir-Panorama der Stadt Los ­Angeles, in dem der anfangs ziellose Andrew Garfield auf der Suche nach einer verschwundenen Nachbarin immer besessener von seiner Mission wird. Dabei kommt er mit den seltsamsten Menschen in Kontakt und bemüht sich, in einem Song eine verborgene Bedeutung aufzuspüren. Hat er es bloß mit ein paar Spinnern zu tun, die einen Plan für ein Leben nach dem Tode ausgeklügelt haben, oder aber mit einer gigantischen Verschwörung? Das ist, weil es den Erwartungen so vollkommen entgegenläuft, erst einmal befremdlich, entfaltet aber auch einen ­faszinierenden Sog.

Fällt dieser Film unter die Kategorie „Überraschungen“, so kann der Nerd natürlich auch Vertrautes genießen – gerade die Verbindung von beidem hält das Genrekino ja am Leben. Im Abschlussfilm Anna and the Apocalypse treffen Zombies auf das Musical – die Songs haben durchaus Ohrwurmcharakter, aber der Umgang mit ­Untoten bietet nun einmal nicht allzu viele dramaturgische ­Variationsmöglichkeiten.

So bleibt die Hoffnung, dass Regisseure wie Gaspar Noe und Quentin Dupieux („Rubber“), die ja schon häufiger beim Fantasy Film Fest mit ihren Werken zu Gast waren, auch diesmal das bieten, was man von ihnen erwartet. Im Fall von Jim Hosking reicht jedenfalls schon das Foto im Katalog aus, um uns zu versichern, dass An Evening with Beverly Luff Linn (Foto, li.) ähnlich „geschmackvoll“ ausgefallen ist wie „The Greasy Strangler“. Höchste Erwartungen ­gelten für Marrowbone, dem englischsprachigen Regiedebüt von Sergio G. Sánchez, der das Drehbuch zum modernen Klassiker „Das Waisenhaus” geschrieben hat und zu ­dessen Darstellerinnen zwei ­Publikumslieblinge vergangener Festivalausgaben gehören: Anya Taylor-Joy („The Witch“) und Mia Goth („The Survivalist“).

Zum Schluss eine echte Empfehlung: der britische Await Further Instructions von Johnny Kevorkian. Seinen ­Eltern zu Weihnachten die Freundin vorzustellen, mag ja keine schlechte Idee sein, aber wenn die Freundin indischstämmig ist und sowohl die Schwester, der Vater als auch der Großvater rassis­tische Tiraden loslassen, dann ist das erst der ­Anfang. Eine schwarze Wand macht das Verlassen des Hauses unmöglich, und auf dem Fernseher erscheinen merkwür­dige Anordnungen – ­Regierungsbefehle angesichts einer nuklearen Katastrophe oder doch etwas ganz Anderes? Seine ­beklemmende Atmosphäre hält der Film bis zum bitterbösen Ende durch.

32. Fantasy Film Fest Bis 16.9., Cinestar Sony Center (nur am 11.9. im Zoo-Palast)
www.fantasyfilmfest.com

 

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