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„35 Rum“ von Claire Denis im Kino

Verschwiegen macht uns die Kamera mit den Figuren bekannt, mit denen wir den Rest des Films verbringen werden; erst allmählich erfahren wir, in welcher Beziehung sie zueinander stehen. Abseits vom Gare du Nord schaut der Lokführer Lionel (Alex Descas) abends den Vorortzügen nach. In einem von ihnen kehrt seine Tochter, die Anthropologiestudentin Josйphine (Mati Diop), vom Unterricht heim. Unter den Figuren, die sich die Kamera aus dem Heer der Heimkehrenden heraussucht, sind auch die Taxifahrerin Gabrielle (Nicole Dogue) und Noй (Grйgoire Colin), von denen wir bald erfahren, dass sie im gleichen Haus wie Vater und Tochter wohnen.
Das Arrangement der Erzählstränge in Claire Denis’ neuem Film führt uns in einen Kreis von Eingeweihten. Er besteht fast ausschließlich aus Franzosen, deren Vorfahren aus den ehemaligen Kolonien in der Karibik stammen. Was sie darüber hinaus verbindet, schildert „35 Rum“ mit stimmungsvoller Lakonie. Die Regisseurin schürt die Ahnung, dass es die Versehrtheit ihrer aller Leben ist. Mit einem sanften Lächeln quittieren die Figuren die Alltagsbotschaften, die ihnen die anderen hinterlassen, nachsichtig und voller Genugtuung belächeln sie deren Gewohnheiten, die vertrauten Rituale und Ermahnungen des Zusammenlebens. „Das funktioniert wie ein Code, der das Leben, das voller Brutalität stecken kann, erträglicher macht“, erklärt die Regisseurin. „Das Lächeln ist nicht fröhlich, es bedeutet vielmehr: Ich wache über dich.“
Eine ungekannte Ruhe, eine fast heitere Gelassenheit herrscht in ihrem neuen Film. Die koloniale Vergangenheit zieht sich zwar als eine unerlöste Heimsuchung durch Denis’ Werk. Ihre Filme erzählen selten vom Austausch der Kulturen, sondern von deren Unübersetzbarkeit, vom Leben als Außenseiter, von der Erfahrung des Fremdseins. Aber in „35 Rum“ scheint sie überwunden, die Migranten sind integriert, haben längst Wurzeln geschlagen. Die 1946 in Paris geborene Regisseurin hat selbst einen Teil ihrer Kindheit in Afrika verbracht und ihre Erlebnisse in ihrem Regiedebüt „Chocolat“ (1989) verarbeitet. Ihr Vater war Kolonialbeamter in Kamerun und Burkina Faso, dessen Leidenschaft Reisen und Geografie waren: In ihrer Kindheit, so erinnert sich Denis, war es wichtiger, eine Karte lesen zu können, als über gute Tischmanieren zu verfügen.
Ihr Handwerk hat sie als Regieassistentin bei Jacques Rivette, Wim Wenders und Jim Jarmusch gelernt. Eine faszinierende Unvorhersehbarkeit der Sujets und Formen bestimmt seither ihre Arbeit. Ihre Filmografie verrät, im Wechsel zwischen Dokumentarfilm und Fiktion, ihre Neugierde, ihren Mut zum Grenzgängerischen. Denis ist eine Freischärlerin zwischen den Ethnien und Geschlechtern; beinahe wie die Charaktere, die Bea­trice Dalle in „Ich kann nicht schlafen“ und „Trouble Every Day“ für sie gespielt hat.
Auf ihren Entdeckungsreisen versichert sie sich meist der Gesellschaft treuer Weggefährten: des Drehbuchautors Jean-Pol Fargeau, der Kamerafrau Agnиs Godard, dem Szenenbildner Arnaud de Moleron. „Einen Film zu machen bedeutet, einen Pakt zu schließen“, sagt Denis. „Diese Leute sind meine zweite, vielleicht auch wahre Familie. Man teilt ungeheuer viel miteinander bei Dreharbeiten, etwas kristallisiert sich heraus. Man sucht die Fiktion, um seine Mitarbeiter besser kennenzulernen. Gerade mit Vertrauten stellt man sich immer neue Herausforderungen, wie ein Bergsteiger, der nach der Nord- auch die Südwand bezwingen will. Zwischen den Dreharbeiten sehen wir uns so gut wie nie. Obwohl Agnиs meine Nachbarin ist, verweigern wir so etwas wie Alltäglichkeit. Wir wollen uns für jeden Film eine Frische bewahren.“
Wie die Körper sich suchen und begegnen, wie sich die Sehnsucht in Blicken und Gesten mas­kiert: Das ist das große Thema der Regisseurin. Die Zusammenarbeit mit Agnиs Godard hat ihr Kino dabei entschieden um eine sinnliche Dimension erweitert. Wenn deren Kamera an den Körpern der Darsteller empor- oder herunterschwenkt, ist das immer mehr als ein zärtliches Begutachten. Sie scheint Szenerien und Akteure zu streicheln, es ist eine schwelgende, umfassende Sinnlichkeit, getragen von der Musik der Tindersticks, die die Tonspur von Denis’ Filmen seit „Nйnette et Boni“ (1996) entscheidend prägt.

Lesen Sie die vollständige Kritik in tip 06/09 auf den Seiten 38/39.

Text: Gerhard Midding

tip-Bewertung: Sehenswert

35 Rum (35 rhums), Frankreich/Deutschland/Belgien 2008; Regie: Claire Denis; Darsteller: Alex Descas (Lionel), Mati Diop (Josйphine), Grйgoire Colin (Noй); Farbe, 105 Minuten

Kinostart: 5. März 2009

Filme von Claire Denis ab 5. März im Babylon-Mitte:
„Beau Travail“ (5., 11., 17.3.), „Nenйtte et Boni“ (6., 10., 16., 18.3.), „Trouble Every Day“ (8., 15., 17.3.)

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