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„360“ im Kino

360

Ein Mann beschließt, auf einer Geschäftsreise in einer fremden Stadt doch nicht fremd zu gehen, während sich seine Ehefrau daheim mit ihrem Geliebten vergnügt. Grund genug für dessen Freundin, ihm einen Abschiedsbrief zu hinterlassen und in ihr Heimatland zurückzukehren. Im Flugzeug trifft sie einen älteren Mann, landet aber bei einem Zwischenstopp im Bett mit einem gerade aus dem Knast entlassenen Vergewaltiger. Eine Ansprache des Älteren inspiriert eine Frau, ihre lange unterdrückten Gefühle gegenüber ihrem Chef endlich zu äußern, während ihr Ehemann sich bei seinem jüngsten Auftrag mit einer jungen Frau anfreundet. Am Ende ist die Geschichte dort angekommen, wo sie begann. Alles hängt mit allem zusammen, und der sprichwörtliche Flügelschlag eines Schmetterlings, der am anderen Ende der Welt Unvorstellbares bewirkt, ist in Zeiten der Globalisierung längst zur Realität geworden.
360Von einem Film, der diese Globalisierung anhand menschlicher Beziehungen durchspielt, kann man entsprechend kaum einen jener zuckersüßen Feelgood-Begegnungsreigen erwarten, wie sie Richard Curtis mit „Tatsächlich Liebe“ und Garry Marshall mit „Valentinstag“ und „Happy New Year“ den Kinogängern serviert haben. Der jüngste Film des brasilianischen Regisseurs Fernando Meirelles, der 2002 mit „City of God“ seinen internationalen Durchbruch hatte, ist allerdings auch nicht so düster ausgefallen wie die Arbeiten seines mexikanischen Regisseurskollegen A.G. Inarritu, der in „Amores Perros“ den Menschen als des Menschen Wolf vorführte und ihm in „Babel“ eine globale Dimension gab. Gegenüber den kunstvollen Verschachtelungen von „Babel“ erscheint die Erzählweise von Meirelles und Drehbuchautor Peter Morgan („The Queen“, „Frost/Nixon“, zuletzt Clint Eastwoods „Here­after“) zunächst schlichter – als Reigen, wie im gleichnamigen Bühnenstück von Arthur Schnitzler, das mehrfach verfilmt wurde, der Klassiker bleibt dabei Max Ophüls‘ Film aus dem Jahr 1951.
„Am Anfang stand die Prostituierte in Wien, mit der der Film auch enden sollte, das war eine Verbeugung vor Schnitzler“, sagt Peter Morgan, der seit einiger Zeit in Wien lebt, im Gespräch. „Aber man kann Peter Morgans Drehbuch nicht als Adaption bezeichnen“, präzisiert Fernando Meirelles: „Das Einzige, was es mit Schnitzlers Stück zu tun hat, ist, dass es in Wien mit einer Prostituierten beginnt und mit ihr endet. Und natürlich die Kreisstruktur: ‚Der Reigen‘ besteht aus neun Szenen, in denen Leute sich für Sex treffen. ‚360‘ ist eher ein kubistischer Kreis, man weiß nie, wohin es genau geht. Einige Figuren tauchen wieder auf, andere Figuren gehören dann doch nicht zu diesem Kreis – das ist eine zeitgenössische und komplexere Variante.“
360In der Tat: Die mechanische Struktur Schnitzlers (A trifft B, B trifft C, C trifft D etc., bis am Ende der Letzte wieder A trifft) ersetzt der Film durch Abschweifungen und Zick-Zack-Kurse. Nicht jede Figur bekommt ihre eigene auserzählte Geschichte, selbst wenn sie von einem prominenten Darsteller verkörpert wird. Als Zuschauer ertappt man sich immer wieder dabei, dass man komplette Geschichten erzählt bekommen möchte, das ist nun einmal die Natur des Identifikationskinos. Insofern regt dieser Film auch zum Nachdenken über das Kino selber an.
„Wenn der Zuschauer vor dem Kino steht und die Wahl zwischen zehn Filmen hat, weiß er bei ‚The Avengers‘, was er bekommt, bei ‚360‘ nicht. Also ist die Kunst für die Filmemacher, den Zuschauern etwas zu geben, was sie erwarten, aber gleichzeitig überraschend ist“, meint Peter Morgan.
Eine der Figuren in „360“ heißt „der ältere Mann“, das könnte man lesen als einen Hinweis darauf, dass er uns fremd bleiben wird – dabei ist er am Ende eine der Figuren, die den stärksten Eindruck hinterlassen. Was auch an seinem Darsteller Anthony Hopkins liegt. Seine große Szene ist die Ansprache bei einem Treffen Anonymer Alkoholiker auf dem Flughafen von Phoenix. „Anthony Hopkins war Alkoholiker, er ist seit zwei Jahren trocken“, erzählt Fernando Meirelles. „Aber er sagt, bei diesen AA-Treffen fühlt er sich immer wie zu Hause, deshalb geht er dorthin, wo immer er gerade ist. Als er diese Szene spielte, begann er, wie es im Drehbuch stand, mit der Vorstellung seiner Person. Aber dann erzählt er eine persönliche Geschichte, von dem Priester, der ihm riet, sich in Behandlung zu begeben. Später erklärte er mir, das sei seine eigene Geschichte, dieser Priester hatte ihm geraten, mit dem Trinken aufzuhören. Mitten in der Szene fing Anthony also an zu improvisieren, das war wunderschön – zumal er am Ende den Bogen zurück fand zum Drehbuch und wieder von dem Mädchen sprach, das er im Flugzeug kennengelernt hatte. Das war wie bei einem Jazzmusiker, der in der Mitte sein Solo hat – eine wirklich schöne Überraschung.“
Zum Thema Zufall hat Fernando Meirelles zum Schluss noch eine schöne Geschichte parat: „Michael Winterbottoms Firma Revolution Films war eine der Produktionsgesellschaften, wir haben in London sein Büro benutzt, er drehte zur selben Zeit ‚Trishna‘ in Indien. Die Dreharbeiten begannen am selben Tag und sie endeten am selben Tag. Nicht genug damit: Beide Filme hatten ihre Premiere beim London Film Festival am selben Tag zur selben Stunde – verrückt, nicht wahr?“

Text: Frank Arnold

Fotos: 2012 PROKINO Filmverleih GmbH

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „360“ im Kino in Berlin

360, Großbritannien/Österreich/Brasilien/Frankreich 2011; Regie: Fernando Meirelles; Darsteller: Anthony Hopkins (älterer Mann), Jude Law (Michael Daly), Rachel Weisz (Rose); 110 Minuten; FSK 12

Kinostart: 16. August

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