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50 Jahre Deutsche Kinemathek

Deutsche Kinemathek

Regisseure wie Heinrich Breloer, Werner Herzog, Andres Veiel und Rosa von Praunheim vertrauen der Kinemathek ihre Archive an, ebenso wie bedeutende Produzenten (Manfred Durniok, Joachim von Vietinghoff). Auch die Nachlässe der Kritiker Peter W. Jansen, Karena Niehoff und Karsten Witte gingen an die Kinemathek. Unlängst gelangen mit dem Erwerb der Archive von Bernd Eichinger und des Production Designers Ken Adam große Coups. Um an solche Schätze zu kommen, braucht es Geduld und Beharrlichkeit. „Das zieht sich meist lange hin“, erklärt Sudendorf, „denn für Künstler oder ihre Erben bedeutet das, einen Teil ihres Lebens fortzugeben.“
Deutsche KinemathekDank der Unermüdlichkeit, mit der Sudendorf und Gero Gandert um die Hinterlassenschaft von Emigranten in den USA buhlen, ist das Filmexil zu einem Forschungsschwerpunkt der Kinemathek geworden. Das Thema prägt auch die Retro­spektiven, die die Kinemathek seit 1977 für die Berlinale gestaltet: Die ersten beiden waren der Dietrich gewidmet, die kommende geht den Spuren nach, die das Weimarer Kino hinterließ. Auch darin ist die Berliner Kinemathek ein Sonderfall: Sie verfügt über kein eigenes Kino. Für Rainer Rother, der zuvor für bedeutende Filmzyklen im Zeughauskino verantwortlich zeichnete, war dies bei seinem Amtsantritt ein Wermutstropfen. „Das hat historische Gründe“, räumt er ein. „Wenige Monate nach Gründung der Kinemathek wurden die ‚Freunde der Deutschen Kinemathek‘ gegründet, deren explizites Ziel es war, die Filmsammlung sichtbar zu machen. Das driftete später auseinander, das Programm des Arsenal nahm eine andere Orientierung, verfolgte aktuelle ästhetische und politische Tendenzen im internationalen Film.“ Über die Resonanz der Berlinale-Retrospektiven hingegen ist er sehr glücklich: „Das Publikum wird immer jünger, es herrscht ein großes Interesse an der konzentrierten Präsentation von Filmthemen.“
Mit dem Umzug an den Potsdamer Platz erlebte die Institution 2000 einen wahren Quantensprung. Nach 37 Jahren erfüllte sich endlich Lamprechts Traum von einem echten Filmmuseum mit einer Dauer- und Sonderausstellungen. „Die Kinemathek wurde ein frischer Player auf dem internationalen Parkett“, resümiert Rother die Wandlung. „Die Sichtbarkeit ist seither ungeheuer gewachsen. Das liegt nicht zuletzt am schnellen Wechsel der Sonderausstellungen, die zunächst Fehlstellen ausfüllten, vor allem die Unterrepräsentation des Nachkriegskinos. Seit die Dauerausstellung erweitert wurde und alle fünf Jahre kreativ überarbeitet wird, sind wir freier, Themen mit internationaler Ausstrahlung zu wählen.“ Seither sind die Schauen über Ingmar Bergman, Production Design, Romy Schneider und Storyboards um die ganze Welt gegangen. Das Netzwerk der Kooperationen muss sich nicht nur aus Prestige-, sondern auch aus ökonomischen Gründen stetig erweitern. Die Martin-Scorsese-Schau beispielsweise musste verschoben werden, weil der Etat des letzten Jahres nicht ausreichte. Finanzieren ließ sich das Projekt nur mit der Aussicht auf Auslandsverkäufe. Auch das Filmarchiv, das von dem weltweit geschätzten Filmrestaurator Martin Koerber geleitet wird, ist tendenziell unterfinanziert. Gerhard Lamprecht hätte sich 1963 nicht träumen lassen, welche Herausforderungen er seinen Erben hinterließ.

Text: Gerhard Midding

Deutsche KinemathekGeschichte
Der Filmregisseur Gerhard Lamprecht gründete die Deutsche Kinemathek am 1. Februar 1963. Damals war sie noch ein eingetragener Verein, seit 1971 ist sie eine Stiftung. Nach zahlreichen vergeblichen Anstrengungen wurde die Institution 2000 mit dem Umzug ins Sony Center am Potsdamer Platz endlich zu einem Filmmuseum mit eigenen Ausstellungsräumen. Seit 2004 ist sie eine Kulturinstitution, die nicht mehr von der Stadt Berlin, sondern vom Bund gefördert wird. Ihr Jahresetat beträgt rund 8,5 Millionen Euro. Der Filmverleih der Kinemathek umfasst 3.700 Titel. Mit mehr als 500 Veranstaltungen jährlich gehört sie zu den wichtigsten Anbietern museumspädagogischer Programme in Berlin. Der 50. Geburtstag wird am 24. Januar mit einem Festakt gefeiert. Zahlreiche Veranstaltungen zum Filmexil und zum Kinematheksgründer Gerhard Lamprecht schließen sich daran an: am 29. Januar in der Mendelssohn Remise, am 31. Januar im Filmmuseum am Potsdamer Platz; ab dem 10. März läuft eine Filmreihe über Lamprechts Berlin im Bundesplatzkino.

Berlinale-Retro
Mit der diesjährigen Re­trospektive schließen sich im Jubiläumsjahr gleich zwei Kreise. Wie die erste Filmschau, die die Kinemathek 1977 für die Berliner Filmfestspiele ausrichtete, ist sie dem Filmexil gewidmet. Ihr Titel „The Weimar Touch“ erweist zugleich dem Gründer Gerhard Lamprecht eine Reverenz, der zu den wichtigsten Re­gisseuren dieser Epoche zählte. Das Filmprogramm geht den vielfäl­tigen, ästhetischen wie thematischen Spuren nach, die sie im Weltkino hinterlassen hat. Es laufen Filme von Regisseuren wie Ludwig Berger, Ernst Lubitsch, Robert Siodmak. Zu den Höhepunkten der Reihe zählt die Aufführung der restau­rierten Fassung von Max Ophüls’ 1936 in Holland entstandener „Komedie om Geld“, die vielleicht auch deshalb der beste Brechtsche Film aller Zeiten ist, weil Brecht gar nicht an ihm beteiligt war.

Der 50. Geburtstag der Deutschen Kinemathek
tip-Leser können an einer exklusiven Führung durch das Archiv der Deutschen Kinemathek mit dem Leiter der Sammlungen, Werner Sudendorf, und mit Jurek Sehrt, dem Museumspädagogen, teilnehmen. Die Führung findet am 2. März um 14 Uhr statt, Teilnahmegebühr pro Person 5 Ђ. Kartenbestellung ab sofort unter Berliner Verlag, Tel. 0800 – 232 70 23, Mo–Fr 7–20 Uhr, Sa 7–14 Uhr

Für die „Martin Scorsese“-Ausstellung verlosen wir 5?x?2 Freikarten. E-Mail an [email protected], Kennwort: Scorsese. Einsendeschluss ist Montag, der 28.01.2013. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Fotos: David von Becker

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