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50 Jahre Deutsche Kinemathek

Deutsche Kinemathek

Jedes Filmarchiv hat seinen eigenen Gründungsmythos, aber eines ist ihnen in der Regel allen gemeinsam: Sie wurden von verwegenen Exzentrikern ins Leben gerufen. Ihre Gründer waren Verführer von großem Charisma, die sich nicht gern in die Karten schauen ließen. Henri Langlois von der Cinйmathиque Française beispielsweise hatte eine magische Vorstellung von der Filmkonservierung. Er war davon überzeugt, ein Film sei für alle Zeiten gerettet, wenn er erst einmal in der Badewanne seiner Mutter deponiert wäre. Sein Antipode war Ernest Lindgren vom British Film Institute, der zwar ein gewissenhafter Konservator war, dem es aber nie in den Sinn kam, dass Filme auch gezeigt werden sollten. Jacques Ledoux von der Königlichen Kinemathek in Brüssel war ein so wunderlicher Kauz, dass ihn Chris Marker in seinem Science-Fiction-Film „La Jetйe – Am Rande des Rollfelds“ eine Hauptrolle spielen ließ.  
Ihre Sammlungen hüteten sie wie einen geheimen Schatz. Schließlich hätte ja ein Produzent oder Verleiher auf die Idee kommen können, eine geliehene Filmkopie zurückzuverlangen. Meist pflegten sie einen autokratischen Führungsstil und versäumten es tunlichst, einen Nachfolger heranzuziehen. Die Deutsche Kinemathek fällt da gehörig aus dem Rahmen. In ihrer Geschichte scheint es stets überaus demokratisch und wenig neurotisch zugegangen zu sein. Der Generationenvertrag funktionierte reibungslos: Ihr Gründer Gerhard Lamprecht fand in Heinz Rathsack, Hans Helmut Prinzler und Rainer Rother würdige Nachfolger, die mit umsichtiger Autorität und diplomatischem Geschick sein Erbe fortführten, sodass Rother nun den 50. Jahrestag der Gründung begehen kann, ohne die Geschichte groß schönreden zu müssen.
Deutsche KinemathekNoch eine weitere Besonderheit zeichnet sie aus. Die Deutsche Kinemathek ist das erste Filmarchiv, das von einem Filmemacher begründet wurde. Lamprecht wurde mit „Die Verrufenen“ und „Die Unehelichen“ in den 1920er-Jahren zu einer zentralen Figur des Weimarer Kinos; seine Verfilmung von „Emil und die Detektive“ verzaubert noch heute junge Kinogänger. „Schon als Jugendlicher hat er wie ein Fan gesammelt“, berichtet Rainer Rother, der seit 2006 Künstlerischer Direktor der Institution ist, „und dann hat er während seiner Regiekarriere gezielt filmbegleitende Materialien wie Fotos, Drehbücher und technische Geräte erworben. Er war einer, der dafür sorgen wollte, dass es genau zugeht. Deshalb hat er früh filmografische Fakten gesichert, den deutschen Stummfilm dokumentiert und Filmkünstler befragt, um so eine Oral History zu überliefern.“ Wer heute in den Archiven und der Bibliothek zur Frühzeit des Kinos recherchiert, findet noch viele Dokumente, die seinen Namensstempel tragen. Er legte nicht nur den Grundstock eines wichtigen Filmarchivs. „Damals haben Puristen nur Filmkopien archiviert“, bestätigt Werner Sudendorf, der die Sammlungen betreut. „Lamprecht ging jedoch in die Breite. Deshalb zählt etwa unsere Sammlung von Architekturskizzen zu den größten in Europa. Auf ihnen bilden sich auch Zeit- und Stilgeschichte ab. Sein Interesse ging weit über das rein Filmische hinaus.“
Deutsche KinemathekNicht erst seit dem Erwerb der „Marlene Dietrich Collection“ Anfang der 1990er-Jahre gehören die Sammlungen zum wichtigsten Pfund, mit dem die Kinemathek wuchern kann. Im Sommer letzten Jahres zog das Lager in den Imhoffweg in Marienfelde um, wo ihm auf einer Fläche von 3.500 Quadratmetern anderthalbmal so viel Raum zur Verfügung steht wie vorher. Erstmals sind die Büros von den Archiven getrennt, in denen eine konstant niedrige Temperatur herrschen muss. Nun müssen die Mitarbeiter nicht mehr Schals und dicke Pullover tragen.
Hier werden unterschiedlichste Materialien verwahrt, Filmkopien, technische Geräte, Plakate, Requisiten, Zeichnungen und Modelle. Mit 5.500 Kostümen und Accessoires gehört das Textilarchiv zu den gefragtesten Sammlungen. Von hier aus gehen Exponate nicht nur in Film-, sondern vor allem zu Modeausstellungen in aller Welt. Sudendorf zeigt uns Objekte mit Fetischcharakter wie etwa das Telefon aus Dietrichs Wohnung in der Pariser Avenue Montaigne („Wir haben es nicht gereinigt, um die Patina von Whisky und Zigaretten zu erhalten“), vor allem wird im Imhoffweg jedoch Papier in säurefreien Kartons verwahrt.

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