Jubiläum

50 Jahre dffb: Gespräch mit Christian Petzold

„Die dffb war wahnsinnig frei“ – Wie kein anderer im deutschen Film steht Christian Petzold für das, was die Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) schon immer ausgemacht hat. Zum 50. Jubliäum der dffb erzählt der Berliner Regisseur („Die ­innere Sicherheit“, „Yella“, „Barbara“) im tip-Gespräch von seinem Filmstudium, das er in West-Berlin begann und im wieder­vereinigten Deutschland abschloss

Foto: Harry Schnitger

tip Herr Petzold, wie kamen Sie an die DFFB?
Christian Petzold Ich habe während meines Zivildienstes die Zeitschrift „Film­kritik“ entdeckt. Das war für mich – mit ­Autoren wie Harmut Bitomsky, Harun Farocki oder Peter Nau – eigentlich die Zeitschrift der dffb. Beim Lesen wurde mir klar, dass ich ­irgendwann an diese Schule muss. Wobei auch klar wurde, dass es eben keine Schule ist, ­sondern eine Akademie. Nach preußischem Gesetz waren Akademien Schulen, die ­niemand zu Paraden delegieren müssen – so hat Heiner Müller das einmal definiert. Und so habe ich es dann auch erlebt, als ich 1988 hinkam: als wahnsinnig frei.

tip Wer war damals Direktor?
Christian Petzold Heinz Rathsack. Ein wahnsinnig zurück­haltender Mann. Das war vielleicht auch eine Reaktion auf 1968. Denn damals drängte alles auf Realisierung. Er musste den Laden ­zusammenhalten. Rathsack war an der Schnittstelle zwischen dem Labor und den Bürokraten. Wenn etwa der französische ­Dokumentarfilmer Jean Rouch die Akademie besuchte, dann holte Rathsack einen sehr ­guten Rotwein, und dann hat er sich mit Rouch auf Französisch unterhalten und Rotwein getrunken. So ein Direktor, der den Studenten den Rücken freihält, ist das Beste, was einer Akademie passieren kann.

tip Damals begann man noch später mit dem Filmstudium.
Christian Petzold Leute sollten erwachsen sein, wenn sie an die Akademie kamen. Auf dieser Ebene des ­Erwachsenseins konnte man sich begegnen. Um Filme zu machen, muss man etwas erlebt haben.

tip Mit der dffb assoziiert man immer den ­Begriff der Politik. Was bedeutet das für Sie?
Christian Petzold Wir hielten es mit Jean-Luc Godard: Es geht nicht darum, politische Filme zu machen, sondern darum, politisch Filme zu machen. Die dffb hatte keine festen Dozenten, der ­Studentenrat bestimmte, welche Dozenten im nächsten Jahr unterrichten. Wir bestimmten den Studienplan selber. Als wir hinkamen, bekamen wir eine Woche lang Filme aus dem Haus zu sehen, von 1966 an, chronologisch. Das war eine Verpflichtungswoche.

tip Professionalisierung und Spezialisierung sind Stichworte, mit denen sich die dffb seit 20 Jahren herumschlägt.
Christian Petzold Jede Akademie ist ein Labor, leider auch für gesellschaftliche Entwicklungen, die ich falsch finde: Heute sollen überall Fachleute produziert werden, die man sofort in den Markt werfen kann. Die tauchen dann dort auf wie Streikbrecher, und arbeiten zu Bedingungen, die eigentlich nicht zumutbar sind.

tip Halten Sie noch Kontakt?
Christian Petzold Der Kontakt ist nicht so groß. Ich war ein ­bisschen enttäuscht davon, wie Hartmut ­Bitomsky 2010 als Direktor scheiterte. ­Bitomsky wollte das Fernsehen so lange wie möglich draußen halten, er wollte, dass die Studenten zuerst einmal eine Erzählung ­finden, aber die Studenten haben die Geduld verloren. So kam mir das vor.

tip Aber Sie geben doch selber Seminare?
Christian Petzold Jetzt nicht mehr, aber ich habe tatsächlich an der dffb unterrichtet. Da ging es dann um Themen wie: der Polizist. Oder: die Verfolgungsjagd.

tip Was könnte die dffb heute noch leisten, neben den anderen Filmhochschulen in Deutschland?
Christian Petzold Vor allem anderen muss man das Sehen lernen. Alle Filme, die mir gefallen haben, und das sind Tausende, haben etwas gesehen. Wenn man heute „Border Incident“ von Anthony Mann sieht, dann begreift man, warum Donald Trump eine Mauer zu Mexiko bauen will. Ich erinnere mich an ein Seminar von Hartmut Bitomsky, in dem saßen Thomas Arslan und Angela Schanelec, ein bisschen war da der Kern der Berliner Schule. Bei Bitomsky sahen wir jeden Tag morgens im Kino einen Film, und danach mussten wir von einer Szene den Raumplan zeichnen. Da lernst du mehr als Handwerk, vor allem, was es heißt, zu einem Ort in Beziehung treten und daraus eine ­Erzählung entstehen zu lassen.

50 Jahre dffb
Am 17. September 1966 wurde in ­Berlin die Deutsche Film- und Fernsehakademie von dem damaligen Regierenden Bürgermeister Willy Brandt eröffnet. Die Gründung fiel damit genau in jene Ära, in der sich das junge deutsche Kino aufmachte, „Opas Kino“ den Kampf anzusagen.
Zu den Studenten des ersten Jahrgangs gehörten der Videopionier Gerd ­Conradt, der spätere RAF-Terrorist Holger Meins, der spätere dffb-Direktor Hartmut Bitomsky und der vor zwei Jahren viel zu früh verstorbene Harun Farocki. Unter den Absolventen, die Karriere machten, sind so illustre Namen wie Wolfgang Petersen, Detlev Buck, Hannes Stöhr, Helke Sander, Wolfgang Becker oder Uwe Schrader.
Von Beginn an war die dffb sehr politisch ausgerichtet, was sich auch in den entstandenen Filme – in den ersten Jahren meist Dokumentarfilme – bemerkbar machte. Der Spagat zwischen künstlerischem Anspruch hier und kommerzieller Verwertbarkeit dort beschäftigt die Studenten und Dozenten eigentlich seit der ersten Stunde. Und auch der Feminismus hat immer eine Rolle gespielt: „Manch eine feministische Idee wirkte seit den späten 1960er-Jahren in die Deutsche Film– und Fernsehakademie Berlin (dffb) hinein oder aus ihr heraus“, schreibt Madeleine Bernstorff in einem Essay auf der informativen Homepage.

Das immer noch vorhandene Rebellische war auch in den Querelen der vergangenen Jahre zu spüren, als die Studentenschaft sich bei der Besetzung eines neuen Direktors übergangen fühlte. Seit Februar 2016 ist der ­britische Produzent Ben Gibson
neuer Präsident. Eröffnet werden die Feierlichkeiten, die sich mit verschiedenen Filmreihen bis weit ins Jahr 2017 ziehen, am 20. September mit einem Festakt im Roten Rathaus, gefolgt von einer ersten kleinen Filmreihe im Arsenal mit Werken bekannter Absolventen wie Raoul Peck („Der Mann auf dem Quai“, 21.9.), Christian Petzold („Yella“, 25.9.), Angela Schanelec („Marseille“, 28.9.) und Lars Kraume („Keine Lieder über Liebe“, 30.9.).

 

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