Kino & Stream

50 Jahre Freunde der deutschen Kinemathek

Arsenal

tip Als altgedientem Surrealisten hätte Buсuel diese Szene sicher gefallen.
Ulrich Gregor Wir konnten damals keine große Sprünge machen, weil wir keine Förderung bekamen. Wir sind einmal zum Berliner Senat gegangen und haben unsere Lage dargestellt. Da wurde uns gesagt: „Entweder Sie haben genug Geld, dann brauchen Sie unsere Förderung nicht. Wenn nicht, dann ist Ihr Verein finanziell instabil, und solche Vereine können wir nicht fördern.“
Erika Gregor Hans Magnus Enzensberger kam einmal und sagte: „Sie leisten ja eine sehr gute Arbeit, machen aber einen Fehler: Ihr Eintritt ist zu niedrig, Sie müssen 20 DM nehmen. Sie sind Elite, Sie müssen auch die entsprechenden Preise nehmen!“ Das war uns so fremd, denn wir wollten es ja gerade billig machen, damit alle Leute es sehen konnten. Wir waren jung und enthusiastisch.
Birgit Kohler Enthusiasmus und Engagement braucht es heute immer noch. Ohne unser großartiges Team hätte die Institution nicht überlebt. Aber aufgrund der medialen Umbrüche der letzten Jahre reicht das natürlich längst nicht mehr. Filme kann man ja überall sehen, im Netz et cetera. Man kann auch nicht mehr davon ausgehen, dass es ein cinephiles Stammpublikum gibt. Wir bemühen uns seit Langem, ein möglichst heterogenes Publikum zu adressieren. Das Publikum, das sich eine Werkschau von Denis Cфtй anschaut, tauscht sich dann komplett aus mit dem Publikum, das sich die 30 Lieblingsfilme von Frieda Grafe anschaut. Beides waren hervorragend besuchte Veranstaltungen. Man spielt breiter und ist nochmal ganz anders gefordert im Bereich der Vermittlung. Das Publikum muss ein Extra bekommen, eine Einführung oder ein moderiertes Gespräch mit dem Filmemacher. Man muss ganz andere Angebote machen, damit die Leute ins Kino kommen.
Stefanie Schulte Strathaus Filmgeschichte wird nicht Teil der Gegenwart, wenn man sie nur in einem Kinoprogramm platziert. Es muss sich eine Fragestellung aus der Gegenwart ergeben. Das ist auch die Grundidee des Archivprojektes. Ein Aspekt ist das Multiperspektivische – es sind sehr viele Künstler beteiligt, die eingeladen wurden, zu zeigen, dass Filmgeschichte nicht eindimensional ist, sondern dass es veränderbare Kriterien, Blicke und Perspektiven gibt. Zugleich verwirklichen die Eingeladenen eigene Projekte, die auf der Recherche in unserem Archiv basieren. Die Filme werden digitalisiert, werden Teil eines Produktionsprozesses. Das kann man nicht ständig machen. Aber Grundidee bleibt, Film zu einer Entdeckung im Heute werden zu lassen.

Arsenaltip Hätte die Institution 50 Jahre überleben können, wenn Sie nicht 1970 endlich ein eigenes Haus gefunden hätten?
Erika Gregor Wir hatten schon das ganze Jahr gesucht, denn wir hatten immer mehr Ideen, wollten immer mehr machen. Wir haben verschiedene kleine Berliner Kinos abgeklappert, die damals gerade geschlossen wurden.
Ulrich Gregor Wir fanden dann eines in einer mittleren Preislage, die „Bayreuther Lichtspiele“ in der Welserstraße.

tip Ich nehme an, den Namen „Arsenal“ haben Sie damals nicht nur mit Blick auf den berühmten Stummfilm von Dowschenko gewählt. Bestimmt gefiel Ihnen auch die Bedeutung des Munitionsdepots?
Ulrich Gregor Ja, ein Waffenarsenal, um die Welt zu reformieren. Später erklärte uns einmal jemand, im Arabischen würde Arsenal „Haus der Betriebsamkeit“ bedeuten. Das fanden wir auch nicht schlecht.
Erika Gregor Ich war für Arsenal, weil es mit „A“ anfängt und man in den Kinoanzeigen ganz vorn steht.

tip Ist der Vorrat, der angelegt wurde, noch ein wichtiger Grundstock für die heutige Arbeit?
Ulrich Gregor Der Wert unserer Sammlung besteht natürlich auch darin, dass es viele Filme gibt, die an ihrem Ursprungsort gar nicht mehr existieren. Es sind Unikate. Das hören wir viel aus Indien oder dem Iran.
Stefanie Schulte Strathaus Die Sammlung erzählt viel über diese Institution und über eine bestimmte Haltung zum Kino. Bei dem Living Archive Projekt entdecken wir, dass sehr viele Filme wirklich nur hier überlebt haben. Das hat bestimmte Gründe: Es waren schwierige, brisante Filme. Früher haben wir bekommen, und jetzt geben wir viel zurück. Da herrschen großer Handlungsbedarf und große Entdeckerlust. Ich glaube, das Archiv ist im Augenblick wichtiger, als es zwischendurch war. Es war immer in Betrieb, allein schon durch die Arbeit des Forums bei der Berlinale.

Arsenaltip Der Umzug zum Potsdamer Platz war ein Quantensprung. Überwogen damals Furcht oder Erwartung?
Ulrich Gregor Als die Idee aufkam, stand ja noch die Mauer. Es kam uns merkwürdig vor, an einen Ort zu gehen, wo sich noch die Füchse gute Nacht sagten. Wir haben natürlich den Abschied von der Welserstraße sehr bedauert. Aber es wäre ein taktischer Fehler gewesen, nicht hierhin zu ziehen. Bei der letzten Vorführung im alten Arsenal waren viele Zuschauer deprimiert: „Potsdamer Platz, da ist ja nur Kommerz!“
Milena Gregor Trotzdem war der Blick auf den Potsdamer Platz ein erwartungsvoller. In der Welserstraße herrschte doch eine drangvolle Enge. Hier hingegen haben wir zwei Kinos, auch die technischen Möglichkeiten haben sich deutlich verbessert.
Stefanie Schulte Strathaus Der neue Ort ist nicht allem dienlich, was wir tun. Wir haben dann ja auch einen Relaunch vollzogen, nachdem wir den Vorstand übernommen haben, und versucht, die Prioritäten noch sichtbarer zu machen. Der Unort Potsdamer Platz ist eine Herausforderung. Aber man kann hier das Diskursive, das Offene unterbringen.

Interview: Gerhard Midding

Foto oben: Quelle: Arsenal – Institut für Film und Videokunst

Foto mittig: David von Becker

Foto unten: M. Stefanowski

 

Die Geschichte der „Freunde“ und ihres Arsenals
Die Gründung der „Freunde der deutschen Kinemathek“ als eingetragener Verein fand am 30. März 1963 statt und geht auf eine Initiative des Filmhistorikers Gero Gandert zurück. Zu den Gründungsmitgliedern gehörten neben ihm der erste Vorsitzende Ulrich Gregor, die Regisseure Helmut Käutner und Hansjürgen Pohland, die Kritiker Friedrich Luft und Karena Niehoff sowie der Buchantiquar Carl Wegener. Ulrich Gregor und seine Frau Erika prägten Jahrzehnte lang das Profil der Institution. 1970 bezog sie das Kino Arsenal, ein Jahr später veranstaltete sie zum ersten Mal das Internationale Forum des Jungen Films der Berlinale. 2000 zog das Arsenal ins Filmhaus am Potsdamer Platz um. Danach hat sich der Verein umbenannt in „Arsenal – Institut für Film und Videokunst e.V.“ Der heutige Vorstand besteht aus Milena Gregor, Birgit Kohler und Stefanie Schulte Strathaus. Es ist bezeichnend, dass die Institution ihr 50. Jubiläum nicht pünktlich zum offiziellen, sondern zu ihrem eigentlichen Gründungsdatum feiert: Ende Mai 1963 veranstaltete sie ihre erste Filmvorführung in der Akademie der Künste im Hansaviertel. An diesen Anfang knüpft die Eröffnungsveranstaltung des Juniprogramms an, das ein Abschlussfestival des Living Archive Projektes ist. Hierzu hat das Arsenal zahlreiche Künstler eingeladen, sich auf eigene Weise mit Filmen aus der Sammlung auseinanderzusetzen.

Text: Gerhard Midding

Das Festival läuft vom 1. bis zum 30. Juni im Arsenal zusammen mit einem umfangreichen Rahmenprogramm an anderen Orten, darunter vom 6. bis 23.?Juni eine Ausstellung in den Kunst-Werken Berlin.

www.arsenal-berlin.de

www.kw-berlin.de/de/events/509_living_archive

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