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„8. Wonderland“ im Kino

8. WonderlandWenn die ganze Welt ein totalitäres, kommerzielles und ausbeuterisches Netzwerk wird, wohin soll man dann noch flüchten? Diese Frage beantwortet der französische Film „8. Wonderland“ kühn: natürlich in den Cyberspace, in die virtuelle Dimension des weltweiten Netzes, in dem es keine Grenzen gibt und wo sich die Rebellen treffen, von denen die nächste demokratische Ordnung ausgehen soll. In den ersten Bildern sieht das alles schwer nach einem Chatroom aus, bald öffnet sich der Blick aber auf eine globale Öffentlichkeit, in der die Bewohner des 8. Wonderlands eine Sonderstellung einnehmen. Sie begreifen sich als Bürger eines virtuellen Staates, in dem alle Fragen durch Referenten geklärt werden und in dem direkte Kontakte selten sind.
Stattdessen findet fast alles vor der Computercam statt. Das 8. Wonderland ist aber nicht einfach eine digitale Wohlfühlstube, es ist vor allem eine Organisation, die gegen die Übel der realen Welt etwas unternimmt. Von wem die ganze Sache ausgeht, bleibt dabei unbekannt. Niemand weiß, wer der Webmaster ist – das achte Weltwunder hat keinen Anfang, keinen Schöpfer, keine zentrale Autorität. Es hat aber einen Plan, und der richtet sich gegen alles, was aus der Perspektive einer kapitalismuskritischen, emanzipativen Linken als falsch gilt.
8. Wonderland„8. Wonderland“ ist also so etwas wie der Agitationsfilm einer kapitalismus-kritischen Generation, die seit Seattle 1999 als solche wahrgenommen wird, und die häufig fälschlich als Globalisierungskritiker bezeichnet wird. Das Gegenteil ist der Fall, wie sich hier erweist: Die vorwiegend jungen Menschen, deren Aktivismus hier zwischen Schülerstreich und Terrorismus das richtige Maß finden muss, sind gerade nicht auf einen Ort festgelegt, wenngleich ein Mann aus der senegalesischen Hauptstadt Dakar sich ein wenig regionalistisch benimmt.
Da es sich bei „8. Wonderland“ um eine relativ kleine Produktion handelt, die subversiv von Subversion erzählt, liegt es nahe, dass ein großer Teil des Plots in Form von Medien­phä­nomenen erzählt wird. Die ersten Aktionen der digitalen Guerilla – Kondomautomaten an vatikanischen Kirchen, die Entführung eines Truthahns zum Zweck einer Aktion gegen die Todesstrafe – werden bekannt gemacht, indem Fernsehsen­dungen in aller Welt gehackt werden – und darüber wird dann wieder eifrig im Fernsehen berichtet. Es geht den beiden Filmemachern Nicolas Alberny und Jean Mach aber nicht einfach um das diebische Vergnügen an Coups gegen die Bonzen, sondern sie erzählen mit der Geschichte des 8. Wonderlands zumindest in Ansätzen auch von den Schwierigkeiten, die sich in einer basisdemokratischen Öffentlichkeit mit extremer Simultaneität und sehr flacher Hierarchie ergeben.
In vielen Szenen wirkt „8. Wonderland“ dabei eher wie eine Skizze, und der optimistische Nachspann potenziert nicht wenige naive Momente dieser Cyberutopie – aber als Ausdruck einer Sehnsucht nach radikaler Veränderung ist dieses kleine Experiment auf jeden Fall sehr interessant.

Text: Bert Rebhandl

tip-Bewertung: Seheswert

Orte und Zeiten: „8. Wonderland“ im Kino in Berlin

8. Wonderland (8th Wonderland), Frankreich 2008; Regie: Nicolas Alberny/Jean Mach; Darsteller: Matthew Geczy (John
McClane), Eloissa Florez  (Isabella), Robert William Bradford (David); 98 Minuten

Kinostart: 12. August

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