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„9 Leben“ im Kino

9_LebenSunny, 23 Jahre alt, hält auf strikte Trennung zwischen Außenleben und Innenleben. Nach außen ist sie ein Punk-Mädchen, mit zahlreichen Piercings hat sie ihren Körper bearbeitet, die Haare hat sie zum Teil rasiert, zum Teil zu einem Zopf gebunden. Drinnen, in ihrer Wohnung, achtet sie auf peinlichste Ordnung, und auch die Farben, die sie da bevorzugt, sind nicht gerade „no future“. Sunny mag Apricot. Wenn man mitzählen wollte, dann wäre das wohl mindestens das dritte Leben, das sie in ihren jungen Jahren schon lebt – nach dem ersten bei der Familie und einem zweiten, in dem sie in Berlin auf der Straße war, Drogen probierte und wohl ziemlich abstürzte. Nun aber sitzt sie vor einer Filmkamera und spricht über sich – in ruhigen, klugen Worten, manchmal stockt sie, nicht alles kann ausgesprochen werden, manches ist in der Erinnerung einfach noch zu viel.

Die Regisseurin Maria Speth hat Sunny bei Recherchen zu einem Spielfilmprojekt kennengelernt. Entstanden ist aus dem Gesprächen mit ihr und ein paar weiteren Jugendlichen mit schwierigen Geschichten ein beeindruckender Dokumentarfilm: „9 Leben“. Wir sehen darin Leute, die wir im Alltag in Berlin auch oft sehen und selten eingehender beachten: Schnorrer, Straßenmusiker, Drogensüchtige.

Die Jugendlichen, mit denen Maria Speth gedreht hat, nennen sich Stöpsel, Krümel, Za oder Soja – alles keine bürgerlichen Namen, sondern selbst gewählte oder von Freunden gegebene. Sie sprechen in „9 Leben“ von sich, von einer Vergangenheit mit Eltern, die sie entweder ungeheuer unter Druck gesetzt oder aber schlimm vernachlässigt haben. Zwischendurch gibt es ein wenig Musik, denn Za ist eine exzellente Cellospielerin, und Krümel ist mit Toni befreundet, der aus dem Kosovo stammt, Django Reinhardt verehrt und sein Geld damit verdient, dass er vor Lokalen oder in der U-Bahn spielt. Krümel spielt Gitarre, und wenn er sie weglegt, dann spricht er zum Beispiel davon, wie das ist, wenn schwule Freier meinen, sie könnten seine Liebe kaufen.

Es gibt keine Außenaufnahmen in „9 Leben“, alles ist im Studio vor einem neutralen, weißen Hintergrund gedreht, der wie eine Prämisse wirkt: Diese Jugendlichen stecken nicht in den Bildern fest, die sich die Gesellschaft von „Straßenkindern“ so macht, sie sind so frei, wie man es angesichts ihrer komplizierten Erfahrungen nur sein kann. Sie alle haben nicht nur den Schmerz, sondern sie haben Haltung, Stil, Intelligenz. Eine Zukunft.

Text: BR

Foto: Reinhold Vorschneider

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „9 Leben“ im Kino in Berlin

9 Leben Deutschland 2010; Regie: Maria Speth; 109 Minuten; FSK 12

Kinostart: 19. Mai

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