Arbeitsdrama

„A Fábrica de Nada“ im Kino

Emanzipation und Autonomie: Die Produktion von Fahrstühlen wird stillgelegt. Pedro Pinho erzählt was passiert, wenn die Arbeit aus der Gesellschaft zu verschwinden droht

Grandfilm

Mitten in der Nacht wird ein portugiesischer Arbeiter von einem Anruf aufgeschreckt: In der Fabrik tut sich etwas, Maschinen werden abtransportiert, man sollte besser einmal nachsehen. Bei Tagesanbruch ist die Sache schon weitgehend klar: Die Produktion von Fahrstühlen wird stillgelegt, stattdessen tauchen ein paar neue Mitarbeiter auf, die aber vor allem für die anstehende Betriebsabwicklung zuständig sind. Sie sprechen auch diese unklare Sprache, mit der gern die harten Tatsachen bemäntelt werden. Für die Arbeiter bleibt nur die Möglichkeit einer Abfindung. Wer sie annimmt, macht sich zum Verräter der gemeinsamen Sache und des Klassenstandpunkts.

Ganz so einfach ist die Sache aber dann doch nicht in ­Pedro Pinhos „A Fábrica de Nada“. Denn die Belegschaft macht zwar erst einmal so weiter, als wäre nichts gewesen. Da es aber nichts zu tun gibt, legen die Arbeiter die Arbeit nieder – das klassische Protestmittel, das hier aber surreal ins Leere läuft. Und so kommt es zu einem komischen Stellungskrieg zwischen dem Management mit seinem nur halb komischen Business-Figuren und einer Gruppe von Arbeitern, die eigentlich gar keine große Lust auf Selbstverwaltung haben, möglicherweise aber nur diese eine Möglichkeit.

„A Fábrica de Nada“ ist von den linken Diskussionen der letzten zwei Jahrzehnte geprägt. Es gibt deutliche thematische Bezugspunkte zu „Arabian Nights“, dem Meisterwerk des politischen Kinos von Miguel ­Gomes. Europa hat in den letzten Jahren vor allem nach Griechenland geschaut, wenn es um die Auswirkungen der Krise von 2008 und um die Frage nach dem Verhältnis von Sozialstaat und wirtschaftlicher Effizienz ging. Weitgehend unbemerkt hat sich hingegen in Portugal eine Menge getan, denn dort gab es nicht nur Reformen (also einen Abbau staatlicher Ausgaben), sondern ein dichtes Netzwerk von Initiativen und Innovationen. Die politischen Koordinaten sind hier auch geografisch andere: So spielt zum Beispiel in „A Fábrica da Nada“ viel von jenem Erfahrungswissen hinein, das sich in den Dauerkrisen in Argentinien angesammelt hat.

Bei all dem wird der Film von Pedro Pinho aber nie zu einer trockenen politischen Theorie. Im Gegenteil wird hier am Beispiel konkreter Menschen (Arbeiter spielen Arbeiter) in spielerischer, halbdokumentarischer Weise deutlich, worum es ­eigentlich geht, wenn die Arbeit aus der Gesellschaft zu verschwinden droht.
Gelegentliche Exkurse in die utopische Form (mit Musical-Einlagen und langen Diskussionen bei Tisch) lassen die zentrale Erkenntnis nur umso stärker hervortreten: Emanzipation und Autonomie müssen auch erst erarbeitet werden, und eine „Nichtsfabrik“ ist dafür nicht unbedingt der beste Ort, wohl aber ist jede Fabrik in erster Linie auch ein gesellschaftlicher Ort, der im Idealfall auch Solidarität produziert, und Identität – eine stolze Identität als werktätiger Mensch wird man mit der Herstellung von „Nichts“ nur dann erreichen, wenn man einen kritischen Begriff von Arbeit entwickelt. Ein kluger, witziger, melancholischer Film.

A Fábrica de Nada POR 2017, 177 Min., D: José Smith Vargas, Carla Galvão, Njamy Sebastião, J. Bichana Martins, Start: 18.10.

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