Neuverfilmung

„A Star Is Born“ im Kino

Der Loser und der Shootingstar: Mit „A Star Is Born“ liefert der Schauspieler Bradley Cooper nicht nur ein erstaunliches Regiedebüt, sondern auch eine weitere Variante eines alten Hollywoodstoffes

Warner Bros.

Dass sich Rockstar Jackson Maine ­(Bradley Cooper) auf dem absteigenden Ast befindet, weiß man von der ersten ­Sekunde an: Bevor er auf die Bühne geht, um bei ­einem großen Open-Air-Konzert jene „boden­ständige“ Mischung aus Rock, ­Country, Folk und Singer-Songwriter-Elementen zu spielen, die man gern Americana nennt, wirft er schnell noch einige Pillen ein, ohne die bei ihm schon gar nichts mehr zu gehen scheint. Und nach dem Gig gilt sein erster Griff der Flasche.

Als er schließlich zufällig in einer Drag-Bar zwischen lauter Travestiekünstlern landet, ist kaum mehr auszumachen, ob sein undeutliches Gemurmel dem breiten Arizona-Südstaatenakzent oder seiner ­völligen Trunkenheit zuzuschreiben ist. Noch mögen ihm Abertausende zujubeln, ihn die Menschen auf der Straße erkennen und ein Foto oder sein Autogramm wollen: Er ist trotzdem ein (zukünftiger) Loser. Er weiß es nur noch nicht.

Das ahnt im Grunde auch Ally (Lady Gaga), deren schwule Freunde sie in ebenjener Bar singen lassen, ohne dass sie sich noch Chancen auf eine professionelle Karriere ausrechnet. Sie becirct Jackson eher unfreiwillig mit ihrer Version von Edith Piafs „La vie en rose“, und als er erfährt, dass sie auch selbst Songs schreibt, ist es um ihn geschehen. Die beiden werden ein Paar. Er lässt sie bei seinen Konzerten auftreten. Ihre Karriere hebt ab, seine stürzt ins Bodenlose. Irgendwann sieht ihr professionelles Umfeld ihn nur noch als Hindernis auf ihrem Weg zum Ruhm. „Maybe it’s time to let the old ways die“, hat Jackson zuvor einmal in einem seiner Songs gesungen. Das ist im Kontext des Films mehr als nur doppeldeutig.

Die Geschichte vom Aufstieg des einen Stars und vom Fall des anderen ist die Story von „A Star Is Born“. Hollywood verfilmt sie in einem gewissen Abstand immer wieder neu: Nach den Filmen von 1937, 1954 und 1976 ist Bradley Coopers Regiedebüt die vierte Version. Auch das Drama „What Price Hollywood?“ aus dem Jahr 1932 könnte man noch dazu zählen, es etablierte erstmals die ­Geschichte einer jungen Schauspielerin, deren Karriere mithilfe eines alkoholsüchtigen Regisseurs in Schwung kommt, der sich später das Leben nimmt.

Die im Hollywood-Milieu spielenden „Star“-Variationen der 30er-Jahre hatten sich eine Reihe von kursierenden Hinter-den-Kulissen-Skandalen zum Vorbild genommen; zugleich schwingt in ihnen aber auch noch der große Umbruch vom Stumm- zum Tonfilm mit, der Karrieren von Stars und Regisseuren recht abrupt enden ließ. Auch die 1954er-Version mit James Mason und Judy Garland erzählt selbstreflexiv von einem ­Umbruch, den das damals bereits im Untergang befindliche Studiosystem mit der Konkurrenz des – im Film permanent präsenten – Fernsehens erfuhr.

Zudem begründete das dreistündige ­Musical die Verbindung von Filmbusiness und Musikwelt im „Star“-Thema: Bevor ­Esther (Judy Garland) zum nächsten großen Filmstar avanciert, ist sie bereits eine populäre Sängerin. Vollends ins Musikmilieu verlegte die Geschichte dann der Film von 1976 mit Barbra Streisand und Kris Kristofferson, an den die Story von Bradley Coopers Film deshalb am deutlichsten andockt.

Die Passagen von Aufstieg und Fall der Stars hat Cooper zeitgemäß verdichtet, hier geht alles aber viel schneller als in früheren Ver­sionen: Ein Youtube-Clip, der von Millionen geklickt wird, ist da schon der halbe Weg zum Pop-Olymp. Noch interessanter ist aber der Gegensatz zwischen den verschiedenen ­musikalischen Stilen und den damit verbundenen Konzepten.

Anfangs passen Allys meist zum Klavier vorgetragene Songs als ruhigere Momente durchaus noch zu Jacksons Rumpelrock, den Cooper – nach 18 Monaten Gesangsunterricht – sehr authentisch mit Lukas Nelson & The Promise of the Real als Begleitband darbietet. Aber mit der Zeit wird deutlich, dass Cooper hier das Konzept eines explizit männlichen (und weißen) Macho-Rocks mit vermeintlich „ehrlichem“ Flair durch einen Popstar ablöst, der stilistisch, optisch und in seiner sexuellen Ausstrahlung gar nicht mehr festgelegt ist.

Hat Ally zu Beginn noch das Cover von Carole Kings „Tapestry“-Album, einer Ikone des Singer-Songwriter-Stils, über dem Bett hängen, schleichen sich mit der Ankunft ­eines professionellen Produzenten schnell die schwarzen Dance-Grooves in ihre Musik ein. Die Haare werden gefärbt, Glitzerkostüme angezogen, Choreografien einstudiert. ­Einen Widerspruch scheint Ally darin nicht zu erkennen – und Lady Gaga vermutlich auch nicht, denn das ist im Grunde ihre Geschichte.

Jackson hat dem Untergang seiner überholten Welt hingegen nur Alkohol und Selbstmitleid entgegenzusetzen. Das kann man vielleicht auch als politisches Statement lesen. Als Regiedebüt ist Bradley Coopers „A Star Is Born“ beeindruckend: Mit großer handwerklicher Souveränität ringt er dem alten Thema neue Aspekte ab und führt seine Schauspieler*innen – bis in die Nebenrollen und inklusive sich selbst – zu exzellenten Leistungen.

A Star Is Born USA 2018, 135 Min., R: Bradley Cooper, D: Bradley Cooper, Lady Gaga, Sam Elliott, Start: 4.10.

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