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Im Kino: „John Rabe“ mit Ulrich Tukur

Florian Gallenberger kann sich freuen, schon bevor sein jüngster Film ins Kino gekommen ist. Den bayerischen Filmpreis hat er für „John Rabe“ bereits im Januar bekommen, nun ist seine Arbeit sieben Mal für den deutschen Filmpreis nominiert, unter anderem in den Kategorien Bester Film und Beste Regie.
Gallenberger, 1972 in München geboren, ist ein mobiler Regisseur: 2000 bekam er einen Kurzfilm-Oscar für seine in Mexiko angesiedelte Brüdergeschichte „Quiero ser„. Jetzt ist er für seinen zweiten Langspielfilm (nach dem Indienmelodram „Schatten der Zeit„) nach China gereist, um dort ein Drama über ein entsetzliches Kriegsverbrechen des 20. Jahrhunderts zu inszenieren.
Im Dezember 1937 hatte die japanische Armee Nanking gestürmt. Mit ungezügelter Grausamkeit wüteten die Truppen des Tenno in der ehemaligen chinesischen Hauptstadt: Sie mähten die kriegsgefangenen Kuomintang-Soldaten mit Maschinengewehren nie­der, schlachteten massenweise wehrlose Zivilisten mit Schwertern oder Bajonetten ab, vergewal­tigten Frauen und Kinder, verbrannten Menschen bei lebendigem Leib. Die Zahl der Opfer wird auf 200.000 bis 300.000 geschätzt.
In den 90er Jahren hatten sich schon zwei chinesische Produktionen des Themas angenommen. Der Taiwanese Mou Tun Fei führte die Gräuel in „Black Sun: The Nanking Massacre“ auf Schock­wirkung abzielend anhand von his­torischen Filmaufnahmen und nachgestellten Szenen vor Augen. „Nanking 1937“ vom Pekinger Regisseur Wu Ziniu stellte die Ereignisse aus dem Blickwinkel einer Familie dar.
John Rabe“ zeigt das Inferno nun aus der Sicht eines deutschen Augenzeugen. Ausgehend von Rabes Tagebuchaufzeichnungen („John Rabe. Der gute Deutsche von Nanking“, Stuttgart 1997) schrieb Gallenberger sein Drehbuch und arbeitete die Geschehnisse in Hollywoodmanier auf. Im Mittelpunkt steht ein biederer Kleinbürger aus Hamburg, der in größter Not heldenmutig und tatkräftig über sich hinauswächst.
Rabe (1882–1950) leitete die Siemens-Dependance in Nanking, mit seiner Frau Dora war er schon fast 30 Jahre im Land. Unter seiner Führung richteten die Ausländer eine knapp vier Quadratkilometer große Schutzzone in der Stadt ein, die rund 200.000 Bürgern Unterschlupf vor der japanischen Soldateska bot. Ausgerechnet eine riesige Hakenkreuzflagge, heute Emblem der Massenvernichtung, die das NSDAP-Mitglied Rabe in seinem Garten ausbreitete, sorgte für einigen Respekt bei den mit Deutschland verbündeten Japanern.

Lesen Sie die vollständige Filmkritik in tip 08/09 auf den Seiten 34/35.

Text: Ralph Umard

tip-Bewertung: Sehenswert

John Rabe Deutschland/­Frankreich/­ China 2009; Regie: Florian Gallenberger; Darsteller: Ulrich Tukur (John Rabe), Daniel Brühl (Dr. Rosen), Steve Buscemi (Robert Wilson); Farbe, 134 Minuten

Kinostart: 2. April 2009

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