• Kino & Stream
  • Seit Heiligabend im Kino: „Bright Star“ von Jane Campion

Kino & Stream

Seit Heiligabend im Kino: „Bright Star“ von Jane Campion

Die Mode sei ihr wichtiger als die Lyrik, meint die junge Schneiderin Fanny Brawne (Abbie Cornish) anfangs noch trotzig. Ihr Nachbar, der scheue Schriftsteller John Keats (Ben Whishaw), der in Wohngemeinschaft mit dem polternden Charles Armitage Brown (Paul Schneider) lebt, wird sie bald eines Besseren belehren, zur Poesie und zur Liebe bekehren. Auf Andrew Motions 1998 erschienener Keats-Biografie basiert der Film „Bright Star„, der eine Zeitreise ins nördliche London der Jahre 1818 bis 1821 wagt. Genuin englisches Flair trägt diese Erzählung: Sie entstand in den blühenden Landschaften Bedfordshires und den legendären Elstree-Studios. Regisseurin Jane Campion versucht sich nicht zum ersten Mal an der Form des Historienfilms: Aber gegen die Zartheit von „Bright Star“ wirkt ihr „Portrait of a Lady“ (1996) geradezu frivol und opernhaft – und die Melodramatik in „The Piano“ (1993) fast schon grob. Campion selbst nennt „Bright Star“ eine Ballade, ein Prosagedicht – und das ist ein Hinweis darauf, wie wenig es der Filmemacherin diesmal um das historische Spektakel ging. „Bright Star“ sei alles andere als ein Biopic, sagt sie, eher ein Film, der von Texten, von Keats’ Briefen und seinen literarischen Methoden inspiriert sei, die etwa in „La Belle Dame sans Merci“ oder in narrativen Gedichten wie „The Eve of St. Agnes“ zu studieren seien. Wie Keats übersetzt Campion einen Mythos: Sie erzählt mit ihren Mitteln, in ihrer Sprache, den Fanny-Keats-Mythos nach, formal sublim und überraschend keusch.
Die Oberflächen dieser untergegangenen Welt werden in Campions Zugriff zum filmischen Primärstoff: das Spiel des Winds im hohen Gras, das Licht auf den Körpern, die kostbaren Worte Keats’, das textile Material. Hier ist alles Konzentration aufs Wesentliche: „Bright Star“ beginnt mit der Erstbegegnung der Liebenden und endet mit Keats’ Tuberkulosetod. Die erzählerische Perspektive ist, wie stets bei Campion, strikt weiblich: Dies sei nicht so sehr die Geschichte des Dichters Keats, sondern jene von Fannys Keats, erklärt Campion spitzfindig: die Ballade von Fanny Brawne und ihrer Hingabe an John Keats.

Lesen Sie hier: Ein Interview mit Jane Campion

Text: Stefan Grissemann

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Bright Star“ im Kino in Berlin

Bright Star, Großbritannien/Australien/USA 2009; Regie: Jane Campion; Darsteller: Abbie Cornish (Fanny Brawne), Ben Whishaw (John Keats), Paul Schneider (Mr. Brown); Farbe, 119 Minuten

Kinostart: 24. Dezember

Mehr über Cookies erfahren