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„Abendland“ im Kino

abendlandNachts nehmen die Dinge Kontur an, im Dunkeln gewinnen die Ereignisse noch an Schärfe. Der Papst murmelt vor ergriffenen Massen am Petersplatz, wie ein Rockstar wird seine Gestalt auf die Großleinwand gestrahlt; Seelsorger setzen sich mit den psychischen Notfällen fremder Anrufer auseinander; schwer bewaffnete Polizisten verrichten ihre Trainingsarbeit; beim Münchner Oktoberfest trägt man immer noch jenen „Bierkampf“ aus, den der große Herbert Achternbusch einst anzettelte.

Der Wiener Dokumentarist Nikolaus Geyrhalter, 39, hat sich mit „Abendland“ viel vorgenommen. Die Einsamkeit ist zentrales Thema seines bei Nacht gedrehten Films, aber auch die fortschreitende Fusion von Mensch und Maschine. Die Abfolge der Szenen ist nur auf den allerersten Blick beliebig, Geyrhalter fasst europäische Gegenwart ins Auge, dringt über die Oberflächen der Dinge zu den Ideologien vor, die Europas Union im Inneren zusammenhalten. „Abendland“ ist offen existenzialistisch, reicht von der Säuglingsstation bis zum Krematorium und von den Ausläufern der Pornoindustrie bis zu den Absurditäten der Überwachungsgesellschaft. Die Allgegenwart der Kameras im öffentlichen Raum ist ein ironisches Pendant der Omnipräsenz des  Geyrhalter-Blicks – zwei Formen des Voyeurismus, die eine im Auftrag einer sich selbst immer zwanghafter kontrollierenden Gesellschaft, die andere im Dienst der Kunst.

Cutter Wolfgang Widerhofer, der seit bald 20 Jahren Geyrhalters Filme rhythmisiert und komponiert, hat in 14 Monaten Arbeit aus 170 Stunden Bild- und Tonmaterial den 90-minütigen Assoziationsstrom „Abendland“ destilliert. Widerhofer deutet eine Art Erzählfluss an, sanft, oft unmerklich blendet er von einem Schauplatz zum nächsten. Nur die politischen Obertöne in „Abendland“ (die Grenzzäune der Festung Europa, die Anti-Castor-Demonstrationen, die Abschiebungen von Roma-Familien und Asylanten) erscheinen bisweilen zu offensichtlich gesetzt. Am Ende drängt die Kamera durch die Menschenmenge eines Raves an Hunderten Tänzern vorbei, die zu pochendem Techno auf der Stelle treten: Sie geben sich, nur etwas deutlicher als der große Rest der Bevölkerung, als Europas Mutanten des Hedonismus zu erkennen, seltsam ermattet auch sie. Abendland ist abgebrannt.

Text: Stefan Grissemann

Foto: Nikolaus Geyrhalter/Filmproduktion

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Abendland“ im Kino in Berlin

Abendland Österreich 2011; Regie: Nikolaus Geyrhalter; 94 Minuten; FSK 12

Kinostart: 22. Dezember 2011

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