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Jetzt im Kino: „Achterbahn“

Er ist die Verkörperung von „Junger Mann zum Mitreisen gesucht“. Da steht Norbert Witte, Jahrgang 1955, auf einem 70er-Jahre-Foto an der Losbude des Vaters – Schlaghose, glatt gefönte Frisur, unter der Nase das, was man damals wohl einen flotten Schnurrbart nannte, und mit dieser Verträumtheit in den runden Augen –, und man versteht gleich, woher der Wind weht: Ein anderes Leben kam für ihn nie infrage. Auch nicht, als er viele Jahre später den ehemaligen Ost-Vergnügungspark im Plänterwald in den Sand setzte und dann auch noch in Peru beim versuchten Drogenschmuggel erwischt wurde: Berlin hatte in dem Schaugewerbeprofi und Geschäfts­mann Witte seinen Vorzeige-bösen-Jungen, um den sich die Medien reißen konnten.
Der Dokumentarfilmer Peter Dörfler hat Witte über ein Jahr lang begleitet, hat versucht, den schwer greifbaren Mann zu porträtieren. In das Desaster in Peru hat Witte seine Familie mit hineingezogen und sie damit auch mehr oder weniger verloren – der we­gen Schmuggelmithilfe ebenfalls verurteilte Sohn Marcel sitzt noch immer unter prekären Haftbedingungen in einem peruanischen Gefängnis, Ehefrau Pia hat sich von Witte getrennt. Nach der Gefängnisstrafe in Berlin versucht er nun, wieder im Schaugewerbe Fuß zu fassen. „Achterbahn„, dessen sprechender Titel wie die Faust aufs Auge zu Wittes Leben passt, zeigt einen getriebenen Menschen, dessen Talent, immer wieder unbeirrt Zuversicht und gute Laune zu predigen, auch sein größtes Problem zu sein scheint: Er lebt einfach nicht in dieser Welt.


Dörflers stimmiger, mit emotional starker Musik unterlegter Film endet in einem Augenblick, in dem Witte, von der bodenständigen Pia, die in der 32-jährigen Ehe seine Eskapaden mittrug, getrennt ist, auch seine Töchter sieht er seltener. Als Freigänger sitzt er die Haft ab, die ihm in Deutschland für den Schmuggel aufgebrummt wurde. Ein gebrochener oder gar geläuterter Mann ist er noch lange nicht.
Seit letztem Jahr ist Witte wieder frei. In seinen beiden Wohnwagen, die auf dem maroden Spreeparkgelände inmitten von verrottenden Karussell- und Büdchenresten und ominösen Bau­arbeiten stehen, wirkt er wieder voller Zuversicht – neuerdings zwar schnäuzerfrei, aber nach wie vor imposant und laut. Ein Hündchen kuschelt sich in eine Decke in der klitzekleinen Sitzecke, eine wieder schwarzhaarige, wieder bodenständige, neue junge Dame serviert Kaffee, während Witte un­­ablässig seine Variante des Schla­massels erzählt: Wie das Land Berlin ihm damals die Parkplätze für den ehemals beliebten Vergüngungsort wegplante, ihm so die Basis für den Betrieb des Parks nahm. Dass „das keine Schulden, sondern Investitionen“ waren, die er hinter sich ließ, als er später mit Sack und Pack und Karussells nach Peru „auswanderte“– „das war keine Flucht!“ Die Medien stürzten sich natürlich auf die Geschichte vom verschwundenen Schuldner und erst recht auf den Drogendeal. Anders Regisseur Peter Dörfler. Langsam umkreist er mit seiner eigenhändig geführten und sensibel eingesetzten Kamera seinen Protagonisten und dessen Geschäfte: War Witte visionärer Vergnügungspark­-Retter oder spinnerter Pleitier mit Drogenproblemen?

 

Text: Jenni Zylka

Orte und Zeiten: „Achterbahn“ im Kino in Berlin

tip-Bewertung: Sehenswert

Achterbahn, Deutschland 2009; Regie: Peter Dörfler; Farbe, 89 Minuten, Kinostart: 2. Juli

Foto: Jens Berger/tip

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