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Das Filmfestival Achtung Berlin feiert Zehnjähriges

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Wer es in Cannes zu etwas bringen will, muss sich auf eine gewisse Geschlechterdifferenz einstellen: „Männer zeigen Filme und Frauen ihre Brüste“. Foto: Achtung Berlin

Es ist mal wieder so weit, und diesmal ist der Grund zur Freude sogar besonders groß: achtung berlin – new berlin film award feiert zehnjähriges Jubiläum! 2005 hatten Hajo Schäfer und Sebastian Brose das Festival lanciert, um damit dem Wachstum der Berliner Filmszene Rechnung zu tragen. Sie schufen den Kreativen eine Plattform, auf der jene Filme zur Aufführung kamen, die in der Region Berlin/Brandenburg realisiert wurden. Dabei reichte die Bandbreite von geförderten, mehr oder weniger Mainstream-Filmen mit fixem Kinostart bis zu unabhängig und frei flottierend gedrehten, bescheideneren Projekten, die auf Entdeckung hoffen.

Positive Resonanz blieb nicht aus, und das Festival wurde über die folgende Dekade hinweg immer beliebter und erfolgreicher und größer. Rund 90 Spiel- und Dokumentarfilme, mittellange und Kurzfilme, so viele wie noch nie, umfasst das achtung-berlin-Programm in diesem Jahr, und auch die Retrospektive, die im Zeichen des 25. Jahrestages der Maueröffnung Rückschau auf Berlin im Film der 1990er-Jahre hält, ist die bislang umfangreichste.

Eröffnet wird mit einem Brückenschlag von Berlin nach Cannes: „Männer zeigen Filme und Frauen ihre Brüste“ von Isabell Љuba begleitet eine hoffnungsvolle Kurzfilmemacherin und ihren engagierten Produzenten bei dem Versuch, im hektischen Getriebe des glamourösen Großfestivals ihr nächstes Projekt zu pitchen.

Weiterlesen: Isabell Љuba im Gespräch über ihr Guerilla-Filmprojekt

Die Sache wird nicht einfacher dadurch, dass beide im Dauerclinch miteinander liegen und im Wettbewerb kein einziger Film von einer Frau läuft. Vor Ort und mittendrin im tatsächlichen Festivaltrubel entstanden, arbeitet Љubas Film den scharfen Kontrast von filmemacherischem Idealismus und mühseliger Kleinarbeit – Interviews, Empfänge, Klinkenputzen – heraus und bettet ihn ein in die bekanntermaßen chauvinistische Struktur des Big Filmbusiness – zum Glück, ohne dabei den Humor zu verlieren.

Wer will, kann scharfe Kontraste aber auch vor der eigenen Haustür finden. Sieht man beispielsweise zunächst den Retro-Film „Oben Unten“ von Joseph Orr und dann die Wettbewerbs-Doku „Welcome Goodbye“ von Nana A. T. Rebhan, so ergibt sich eine reizvolle Perspektive auf das Leben der Stadt und ihrer Bewohner, die von der Nachwendezeit in die Gegenwart reicht. Orrs charmante Liebeskomödie ist in Prenzlauer Berg angesiedelt, noch vor der Total-Gentrifizierung, aber schon mittendrin in der Komplett-Renovierung. Baustellen allerorten! Baulärm! Baurausch! Gelbe Telefonzellen und graue Fassaden! Das Ende vom Lied lässt sich sodann in Rebhans Dokumentation vernehmen, die den um sich greifenden berlinischen Anti-Tourismus-Ressentiments differenziert und dabei doch mit klarem Bewusstsein für die zugrunde liegenden Pro-bleme nachgeht. Zwischen Nostalgie, Melancholie, Aufbruch und Umbruch liegt Berlin als ständige Überforderung.

Man kann das sehen in Frank-Guido ?Blasbergs „Dana Lech“ aus dem Jahr 1990, als es den Polenmarkt noch gab, am Bahnhof Zoo noch Fernzüge hielten und das Klopfen der Mauerspechte den Rhythmus der Stadt vorgab. Oder in Numan Acars „Vergrabene Stimmen“, der eine Reflexion über das zerrissene Ich und vertane Chancen in das gewagt-geglückte Gewand eines Gangsterfilm-Sozial-dramas im heutigen Kreuzberg kleidet.

Weiterlesen: Anarcho-Regisseur Klaus Lemke stellt bei achtung berlin seinen neuen Film „Kein großes Ding“ vor. Wir haben uns mit dem Regisseur über seine Faible für die Hauptstadt, Hostels, Gentrifizierung und – natürlich – über die deutsche Filmlandschaft unterhalten.

Da aber Berlin entgegen weit verbreiteter Annahme nicht der Nabel der Welt ist, bietet das Festival zudem genügend Gelegenheiten, filmisch in die Ferne zu schweifen. Ins Umland, wo „Antons Fest“ (John Kolya Reichart) dank familiärer Zwistigkeiten schon aus dem Ruder läuft, bevor es noch recht begonnen hat. Nach Mallorca, wo sich eine Schriftstellerin in ihrer eigenen „Geschichte vom Astronauten“ (Godehard Giese) verfängt. In ein verlassenes Dorf im Osten der Türkei, in dem Filmemacherin Serpil Turhan den Wurzeln ihrer Familie nachgräbt („Meine Zunge dreht sich nicht“). In die Schweizer Berge, in denen Bruder und Schwester im Zuge eines Hausverkaufs vom Verdrängten eingeholt werden („Schwarzer Panther“, Samuel Perriard).

Nach New York, wo die Zwangsneurose des einen das Filmprojekt des anderen zu verschlingen droht („Wie ich lernte, die Zahlen zu lieben“, ?Oliver Sechting und Max Taubert). Oder in den eigenen Bauch, vielleicht der fernste Ort von allen, an dem Josephine Links in ihrer feinfühligen Dokumentation „Am Anfang“ den Beginn des Lebens mit dem Beginn gesellschaftlicher Normierungsversuche zur Deckungsgleiche bringt. Womit wir wieder beim Nabel wären …

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