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„Achtung Berlin“ versammelt Filme aus Berlin und Brandenburg

Gangsterläufer

Ob er wisse, was Liebe sei, fragt der Mann hinter der Kamera. „Ich kann grad mal ‚Liebe‘ schreiben“, gibt Yehya zur Antwort. Das Gespräch findet im Knast statt, wo der junge Mann, ein sogenannter „Intensivtäter“, eine dreijährige Haftstrafe absitzt. Es ist einer jener bemerkenswerten Momente in Christian Stahls so nüchternem wie engagiertem Dokumentarfilm „Gangsterläufer“, in denen der vormalige „Boss von der Sonnenallee“ unvermutet sensible und reflektierte Einblicke in sein Innenleben offeriert.
„Gangsterläufer“, der souverän das Familienporträt mit der Milieuschilderung verknüpft und beides im gesellschaftspolitischen Diskursrahmen „Migration“ aufspannt, steht im Wettbewerb um den New Berlin Film Award von Achtung Berlin. In seiner siebten Ausgabe präsentiert das Festival rund 80 aktuelle Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme, die ganz oder teilweise von in Berlin und Brandenburg ansässigen Produktionsfirmen realisiert wurden. Die Bandbreite reicht dabei von mit viel Geld geförderten Mainstream-Filmen mit baldigem Kinostart bis zu unabhängig gedrehten, bescheideneren Projekten, die noch auf einen Verleih hoffen: Robert Stadlober als Psychiatriepatient auf Wanderschaft in „Der Mann, der über Autos sprang“ trifft auf Christine Heimannsberg als verstörte Frau am Abgrund in dem dichten Beziehungsdrama „Atme“.
Der Mann, der über Autos sprangTraditionell richtet Achtung Berlin den Fokus auf die mittelständische Produktionslandschaft, sagt Hajo Schäfer, neben Sebastian Brose einer der beiden Festivalverantwortlichen. Im Laufe der Jahre sei man jedoch mutiger geworden. Die positive Resonanz seitens der Branche, die kontinuierlich steigenden Zuschauerzahlen und die eigene Professionalisierung haben dazu geführt, dass vermehrt Werke den Weg ins Programm finden, die mit Radikalität in der Filmsprache Wagnisse eingehen und mit Ecken und Kanten pro­vozieren würden, so Schäfer.
Ein Film wie „Nachtschichten“ beispielsweise, der die nächtlichen Wege von Obdachlosen, Polizisten, Sprayern sinfonisch verdichtet. Oder „Ich habe dir nie erzählt, womit ich mein Geld verdiene“, der ganz ohne Häme und wohlfeile Ironie hinter den sprichwörtlichen „Projekten“ der Internet-Bohиme die unsicheren Lebensbedingungen des Prekariats sichtbar macht. Zwischenzeitlich völlig herausgefallen aus der Gesellschaft waren die Straßenkinder, die in Maria Speths Interview-Film „9 Leben“ von sich erzählen. Nicht zuletzt über die strenge Stilisierung dieses Schwarz-Weiß-Films wird eine Konzentration und Nähe erreicht, die hinter dem Elendsklischee das traurige Authentische hervorholt.
Revue um MitternachtAls Highlight hebt Festivalmacher Schäfer die in diesem Jahr besonders umfangreich ausgefallene Retrospektive „Musikstadt Berlin“ hervor, die 60 Jahre Ost- und West-Berliner Jugend- und Subkulturen, Stimmungen und Lebensgefühle anhand der Darstellung der Stadt im Musikfilm spiegelt. Aufwendige Recherchen seien das gewesen, sagt Schäfer. Doch die mühevolle Wühlarbeit in den Archiven wurde belohnt. Man habe Raritäten wie die Formatsprengung einer Live-Übertragung der DDR-Schlagersendung Amiga Cocktail durch eine Beatles-Coverband entdeckt und Schätze wie Roland Klicks „White Star“ mit Dennis Hopper gehoben. Eine Wiederausgrabung ist auch „Revue um Mitternacht“, eines der ersten Defa-Filmmusicals, das mit Pomp und Trara die große Geste wagt. Sicher ergibt das einen schönen Kontrast zum West-Berliner Klassiker „Linie 1“, der gleichfalls zur Aufführung kommt, und dessen Theater-Vorlage gerade ihr 25-jähriges Bühnenjubiläum feiert.
Nicht ganz so alt ist „Angel Express“, in dem RP Kahl 1998 die berlinische Variante des Prä-Millennium-Gefühls einfing. (Erinnert sich noch jemand an Y2K und Taschenlampen-Hamsterkäufe?) Kahl hat einen Director’s Cut seines Films erstellt, Ton und Musik frisch poliert und präsentiert diesen nun im Rahmen eines Special Screenings. Damals, als er seine Protagonisten auf ihrer unermüdlichen und vergeblichen Suche nach dem ultimativen Kick durch Spelunken mit wummernden Beats trieb, schien alles möglich und erreichbar, sagt Kahl. Doch heute sind alle immer noch am selben Fleck. Insofern ist die neue Fassung auch als Kommentar zu seinem aktuellen Film „Bedways“ zu verstehen. Alles wird anders und bleibt, wie es ist. Berlin ist eben stärker.

Text: Alexandra Seitz

7. Achtung Berlin – New Berlin Film Award

Babylon Mitte, Filmtheater am Friedrichshain, Passage Neukölln, Kino International
Mi 13. bis Mi 20. April

www.achtungberlin.de

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