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„The Act of Killing“ von Joshua Oppenheimer

The_Act_Of_Killing_02_c_NeueVisionenEin zwanzig Meter langer Fisch liegt an den Ufern eines stillen Sees. Vor seinem Maul posiert ein Ensemble von Tänzerinnen und ein merkwürdiges Paar. Ein schmaler Gentleman mit Zylinder und Spazierstock und ein zweiter, korpulenter Mann, der sich in ein pinkfarbenes Abendkleid hineingepresst hat. Das ist das Anfangsbild von „The Act of Killing“, inszeniert mit Massenmördern und ihren Freunden. Anwar Congo, der Mann im Smoking, ist einer von ihnen. Mit seinen Kollegen könnte er umstandslos in die Mafiaserie „Sopranos“ übersiedeln, aber er ist eine schrecklich reale Figur. Ein Schwerkrimineller, der Hunderte Menschen getötet hat, ohne je zur Verantwortung gezogen worden zu sein.  

In den vergangenen Jahren hat der Filmemacher Joshua Oppenheimer in Indonesien geholfen, eine groteske Welt fürs Kino entstehen zu lassen. Musicalszenen vor pittoresken Wasserfällen, in denen sich gefolterte Opfer bei den Tätern bedanken. Film-Noir-Vignetten, in denen die Mörder kostümiert in die Rolle ihrer Opfer schlüpfen. Western-Überfälle, in denen sie sich als geschändete Bardamen inszenieren. Ausgedacht haben sich diese Szenen die Protagonisten seines Films: Mörder, die ihre Taten und Gefühle mit symbolischen Verschiebungen selbst nachstellen.

Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges putschte sich in Indonesien 1965 das Militär unter General Suharto in einem wirren innenpolitischen Augenblick an die Spitze des Staates. Die Führung nutzte ihre Macht, um politische Gegner, Kommunisten, Gewerkschaftler und die als KP-Sympathisanten verdächtigte chinesische Minderheit zu liquidieren. Paramilitärische Milizen und Berufsverbrecher wie Anwar Congo halfen dem Militär dabei. Mehr als eine halbe Million Menschen wurden allein in den ersten Monaten nach dem Putsch ermordet, Hunderttausende in Erziehungslager verschleppt. Bis heute werden die damaligen Opfer diskriminiert.

Als Joshua Oppenheimer vor zehn Jahren ein kollektives Filmprojekt („The Globalization Tapes“) mit Arbeitern einer indonesischen Palmölplantage realisierte, stieß er auch auf einen der Mörder von damals. Es war ein Nachbar aus der Stadt, der den Arbeitern immer noch Angst einjagte. Für Oppenheimer war diese Begegnung ein doppelter Schlüsselmoment: „Er spielte im Wohnzimmer vor seiner kleinen Enkelin nach, wie er seine Opfer bewusstlos geprügelt und dann in den Entwässerungskanälen einer Ölplantage ertränkt hatte. Später begegnete mir seine Frau auf der Straße und schenkte mir einen Teller mit gebratenen Bananen. Ich bedankte mich, verabschiedete mich. Und warf alles weg. Ich wollte nichts davon haben. Aber meine Reaktion hat mich auch verstört. Ich hatte das beängstigende Gefühl, dass ich das Verhalten wiederhole: dass ich jemanden als absolut anderen setzte, als Monster. Ich habe beschlossen, dass ich – obwohl diese Menschen etwas Monströses gemacht haben – sie nicht als Monster verdamme.“

Wenn Oppenheimer, dessen Großmutter vor den Nazis aus Berlin fliehen musste, das erzählt, strahlt er eine Gelassenheit aus, wie man sie einem erfahrenen Therapeuten unterstellen würde. Containment, die Fähigkeit, einen unerträglichen Inhalt als Erzählung aufzunehmen, anzuhören, zu teilen – ohne daran selbst zu zerbrechen, zeichnet seinen Film aus. Und er hält viel aus: Seine Mörder dürfen in Talkshows prahlen und bei Veranstaltungen der mächtigen Pancasila-Miliz, er besucht den Gouverneur von Nord-Sumatra und einen mächtigen Zeitungsbaron. Die schrankenlose Offenheit der Täter und ihrer Hintermänner erspart die detektivische Arbeit.

„Sie müssen die Methode des Films verstehen“, sagt Oppenheimer. „Wir haben ihn nicht als eine Serie interessanter Szenen konzipiert. Wir haben etwas gedreht, Anwar und seine Freunde haben es angesehen, darauf reagiert, emotional. Und sich danach eine nächste Szene ausgedacht. Und jedes Mal war Anwar verstört von dem, was er tut. Das begann schon mit der ersten Szene, in der er zeigt, wie er auf dem Dach eines Hauses Menschen mit einer Drahtschlinge ermordet hat und wie er danach getrunken hat und tanzen ging. Er führt das vor. Als ob er die Bedeutung von dem, was er davor erzählt hat, negieren wollte.“

The_Act_Of_Killing_01_c_NeueVisionenEine der im Film enthaltenen Utopien ist, dass es ein moralisches Bewusstsein gibt, das in einem solchen Prozess erwachen kann. Oppenheimer hat auch dazu eine Theorie, die unterstreicht, dass dieses Aufkeimen des schlechten Gewissens erst zu immer weiteren Morden führte, weil man die Opfer immer weiter entrechten, malträtieren musste, um die vorangegangenen Taten zu legitimieren. „The Act of Killing“ zeigt aber auf bizarre Weise, wie sich ein solcher Kreislauf auf der symbolischen Ebene auch unterbrechen kann.
Von jedem indonesischen Computer kann man seinen Film seit einem Monat frei herunterladen, die Presse und

Menschenrechtsorganisationen in Indonesien haben ihn enthusiastisch gefeiert. Ein zweiter Film, der nun die Stimmen der Opfer direkt versammelt, ist in der Postproduktion. Oppenheimer selbst wird in den nächsten Jahren nach einer gründlichen Risikoeinschätzung nicht mehr nach Indonesien einreisen. Mit Anwar Congo hat er immer noch Kontakt.

Text: Robert Weixlbaumer

Foto: Neue Visionen

tip-Bewertung: Herausragend

Orte und Zeiten: „The Act Of Killing“ im Kino in Berlin

The Act of Killing Dänemark/Norwegen/Großbritannien/Indonesien 2012; Regie: Joshua Oppenheimer; 115 Minuten; FSK k.A.

Kinostart: 14. November

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