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Agostino Imondi und Dietmar Ratsch im Gespräch

Agostino Imondi und Dietmar RatschWir haben mit Agostino Imondi und Dietmar Ratsch über den Kiez-Stolz seiner Bewohner und die Vorteile der Durchmischung gesprochen.

tip Auf der Berlinale wurde „Neukölln Unlimited“ gefeiert. Wie war die Reaktion Ihrer Protagonisten?
Agostino Imondi Für sie bedeutet das sehr viel. Sie sehen das natürlich auch als Chance, etwas an ihrem Status in Deutschland ändern zu können. Bisher sind sie ja nur „geduldet“.

tip Wie sind Sie auf diese Familie Akkouch gestoßen?
Imondi Aus Zufall. Ich war in Neukölln, um für einen anderen Film zu recherchieren. Dabei sollte es eigentlich um Jugendkriminalität gehen. Ich habe dann zufällig Maradona kennengelernt (Sohn der Familie, d. Red.). Damals war ich bei einem Breakdance-Battle, den er am Ende gewonnen hat. Er war damals erst zwölf, so ziemlich der kleinste von allen. Mich hatte am Breakdance interessiert, wie die Jugendlichen ihre Aggressionen auf der Tanzfläche rauslassen, statt auf der Straße mit Fäusten. Bei diesem Battle habe ich Maradona angequatscht, ein paar Wochen später auch Hassan, seinen Bruder, kennengelernt. Als ich ihre Geschichte gehört hatte, wusste ich, dass ich gern einen Film darüber machen wollte.

tip Anders als das Klischee des „Problem-Kiezes“ zeigen Sie einen sehr lebendigen Kiez mit funktionierenden Jugendklubs. Eine Art Richtigstellung?
Dietmar Ratsch Es gibt ja all diese Angebote, man muss sie halt auch nutzen. Aber gleichzeitig müssen diese Institutionen gepflegt werden, mit guten Pädagogen ausgestattet sein. Einfach ist diese Arbeit in den Jugendklubs sicher nicht. Gerade Breakdance sehe ich als einen sehr guten Weg. Das sieht man bei den pubertierenden Jungs, von denen ja die Gewalt meistens ausgeht: Sie toben sich da richtig aus, können auf den Matratzen rumspringen, zu dieser coolen Musik, ihre Moves gegenseitig zeigen und steigern.

Neukölln Unlimitedtip Haben Sie bei Ihren Protagonisten eigentlich einen gewissen Kiez-Stolz beobachtet?
Imondi Auf jeden Fall. Wenn du die drei etwa durch die Straßen laufen siehst, wie sie jede Minute unterbrochen werden, weil sie von jemandem begrüßt werden: Die kennen fast jeden, jeder kennt sie. Man patscht sich, quatscht ne Weile und geht weiter die Straße lang. Für die ist das ein Gefühl von Community, dazuzugehören. Ich denke mal, das ist in Neukölln bestimmt stärker ausgeprägt als etwa in anderen Bezirken wie Mitte.

tip Durch Ihren Film kennen Sie Neukölln gut. Beobachten Sie die Tendenz zur Gentrifizierung?
Ratsch Die Tendenz ist schon da, etwa im Bereich „Kreuzkölln“. Dort ziehen schon sehr viele auch aus unserer Branche hin, und das wird sich immer mehr ausweiten. Ich finde das aber generell eine sehr positive Entwicklung. Dass es Durchmischung gibt und nicht …
Imondi Getto …
Ratsch Das Wort wollte ich vermeiden. Es sollte mehr auf Durchmischung geachtet werden. Sonst setzen sich Probleme auch fort: in der Schule, im Kindergarten. Wenn Neukölln als ir­gend­wie hip gilt, kann das dem Image des Bezirks nicht schaden.

tip Hat sich Innensenator Körting zu dem Film geäußert? Immerhin hat er eine Szene.
Imondi Noch nicht, vielleicht ja zum Filmstart. Es wäre natürlich schön, wenn er sich den Fall dieser Familie noch mal anschauen würde.

Neukölln Unlimitedtip Im Film ist er im Grunde der Antipode – speziell für den älteren Bruder Hassan, der die Gelegenheit zur direkten Diskussion nutzt.
Imondi Das zeigen wir auch genauso, wie es war. Als Bösewicht des Films stellen wir Körting nicht da. Im Vergleich zu seinen Kollegen in anderen Bundesländern ist er ja auch kooperativ. Auf seine Initiative hin soll zum Beispiel in Berlin die „Residenzpflicht“ von Flüchtlingen wegfallen, das heißt, das Verbot für Einwanderer in Brandenburg, nach Berlin zu reisen und umgekehrt.
Ratsch Ich möchte auch nicht unbedingt in seiner Haut stecken: zu entscheiden, ob eine Familie bleiben darf oder ob sie abgeschoben wird. Aber ich denke, man muss insbesondere über die Regelung der „Langzeitduldung“ nachdenken. Das ist für eine Familie wie die Akkouchs schlicht Wahnsinn: 18 Jahre hier zu leben, jeden Tag in der Ungewissheit, dass man von heute auf morgen abgeschoben werden kann. Das ist so ein starker Druck auf die ganze Familie, auf die Kinder, die hier aufwachsen. Das zeigt sich, denke ich, auch an Hassans Meinung darüber, woran es liegt, dass Maradona etwas auf die schiefe Bahn gelangt war.

tip Maradona schafft es ins Casting von „Das Supertalent“, kommt dann aber nicht in die nächste Runde. Wird er sich dort nochmal vorstellen?
Imondi Vom „Supertalent“ hat er, glaube ich, genug. Aber das Tanzen wird er sicher nicht aufgeben.

Interview: Ulrike Rechel

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