Kino & Stream

„Up In The Air“ mit George Clooney im Kino

Ryan Binghams Welt ist arg beschränkt, obwohl sie scheinbar grenzenlos ist. Denn er hängt in einer Durchgangszone fest, die er zu lieben gelernt hat, weil er einem situierten Leben um jeden Preis entgehen will. Er ist ein Flüchtiger, in jedem Sinn des Begriffs: auf der Flucht vor sich selbst – und nicht ganz von dieser Welt. Daher besteht seine Welt aus Trolleys, Hotelbars, Rollfeldern, Stammkundenkarten, Salzmandeln und Mietautos. Bingham, gespielt von dem allgegenwärtigen George Clooney, verbringt mehr als 300 Tage im Jahr auf Reisen quer durch Amerika, von einem Firmenhauptquartier zum nächsten: Er lebt auf Flughäfen, in anonymen Suiten und in den fußfreien Firstclass-Sitzen seiner Lieblings­fluglinie. Die Frau, in die er sich unterwegs verliebt (Vera Farmiga), ist natürlich ähnlich autonom, ungreifbar wie er selbst.
Ryan Bingham ist ein Profi auf einer never ending tour. Er hilft großen Unternehmen beim Personalabbau, beim sogenann­ten downsizing: Er feuert Menschen, die er nicht kennt, höflich, aber bestimmt, mit den immergleichen beschönigenden Worten – jedes jähe Karriereende sei auch ein neuer Anfang, jede berufliche Enttäuschung eine Chance für später. Er ist ein Job-Terminator, ein Rausschmei­ßer im High-End-Bereich. Und er hat eine etwas infantile Obsession: Er sammelt Frequent-Flyer-Meilen, weil er der siebente Mensch werden will, dem es gelingt, bei seiner Fluglinie auf astronomische zehn Millionen Meilen zu kommen.
Wem diese Story von Stellenabbau und industrieller Unanständigkeit gerade besonders zeitgemäß erscheint: Als Walter Kirns gleichnamiger Roman erschien, standen die New Yorker Twin Towers noch. „Up in the Air“ ist trotzdem jener Film, auf den sich dieser Tage so gut wie alle einigen können – weil er, während er Kapitalismuskritik und soziale Aktualität vortäuscht, einen so hübsch konsensualen Stil pflegt. Sein Exis­tenzialismus ist locker, seine Moral ebenso schlicht wie mehrheitsfähig und sein Ensemble ansehnlich; die Besetzung kommt Zuschauern aller Altersstufen strategisch entgegen, wurde dem sehr adretten Erwachsenenpaar Clooney und Farmiga doch das karrie­ristische Teenager-Role-Model Anna Kendrick zur Seite gestellt.
Aber man muss nur ein wenig genauer hinsehen, um zu erkennen, auf welcher Seite Drehbuchautor und Regisseur Jason Reitman („Juno“) tatsächlich steht. Die Rolle etwa, die jene Amateure spielen, die – in Schnittserien montiert – für diesen Film ihre Worte und Gefühle beim Entlassungsgespräch nachstellen müssen, ist würdelos: Sie sind bloß die Stichwortgeber, die Emotionstapete, der Menschenhintergrund, vor dem das sozial und filmisch privilegierte Hauptdarstellertrio seine eigenen Psycho- und Beziehungsprobleme ausbreitet. Es geht in „Up in the Air“ keineswegs um die inhumane Firmenpraxis, altgediente Mitarbeiter unpersönlich und eines vagen Profits wegen „freizusetzen“, sondern ganz ernsthaft um die Einsamkeit der wohlhabenden Klasse, die von all dem unberührt bleibt.
Sogar der angekündigte Suizid einer Entlassenen führt hier nur zu erhöhter Solidarität unter denen, die diesen Selbstmord mit zu verantworten haben. Die einen gehen am Neoliberalismus zugrunde, die anderen kommen darüber ein wenig ins Grübeln und werden zu besseren Menschen. Wenn das keine Frohbotschaft ist.
Zudem hat das alte Erfolgsmodell Clooney ein paar ernste Kratzer abbekommen; auch das macht „Up in the Air“ deutlich. Mit seinem unleugbaren Charme allein wird dieser Schauspieler langfristig nicht durchkommen. Kann sich noch jemand erinnern, dass Clooney einst politisch relevante und ästhetisch souveräne Filme inszeniert hat („Good Night, and Good Luck“, 2005) – und nicht schon immer Kaffeekapseln in Marktführergeräte gedrückt hat? Längst steht Clooney, wie Reitmans Film demonstriert, auch im Dienst des neokonservativen Jung-Hollywood: Die Ungebundenheit des Protagonisten ist fingiert, sie führt zwangsläufig in die Einsamkeit und zur tristen Erkenntnis, dass er ein Leben mit Frau, Kindern und Eigenheim verpasst hat. Dass er dies nicht früher ahnen konnte, spricht weder für den Mann, den Clooney darstellt, noch für den Film, in dem er auftritt. „Up in the Air“ ist so beschränkt wie Ryan Binghams Welt.

Text: Stefan Grissemann

tip-Bewertung: Zwiespältig

Orte und Zeiten: „Up in the Air“ im Kino in Berlin

Up in the Air, USA 2009; Regie: Jason Reitman; Darsteller: George Clooney (Ryan Bingham), Vera Farmiga (Alex Goran), Anna Kendrick (Natalie Keener); Farbe, 110 Minuten

Kinostart: 4. Februar

Mehr über Cookies erfahren