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„The Airstrip“ im Kino

The Airstrip

Architektur gehörte stets zu den wichtigsten Themen von Heinz Emigholz, ihr hat er im Rahmen einen umfassenden Zyklus gewidmet, insgesamt fast 80 Filme sollen es mittlerweile sein. Dabei geht Emigholz keineswegs mit den üblichen Instrumentarien des Dokumentarfilms an sein Thema heran: Bei ihm gibt es keine Biografien, Interviews und kunsthistorischen Einordnungen, sondern in aller Regel unkommentierte und starre Kameraeinstellungen, nahezu fotografische Aufnahmen der jeweiligen Gebäude im Ist-Zustand, die er mit einem Soundtrack aus Originaltönen unterlegt.
Mit dem Film „Perret in Frankreich und Algerien“ hatte Emigholz seine Filme über Autoren-Architektur 2012 de facto zum Abschluss gebracht. Bereits damals beklagte er sich darüber, dass aufgrund von finanziellen Forderungen bei sogenannten „Bildrechten an Gebäuden“ das Drehen derartiger Filme kaum mehr möglich sei.
Emigholz’ jüngster, bei der Berlinale 2014 uraufgeführter Film „The Airstrip“ ist gewissermaßen die Umwidmung des Materials einer Reise, die den Regisseur quer über den amerikanischen Kontinent führte. Emigholz stellt Kunst- und Bauwerke diesmal auch per prägnant eingesetztem Kommentar in den Kontext zeitgeschichtlicher Ereignisse.
Das beginnt beim in einer Skulptur von Reinhold Begas verkörperten Großmannsdenken des wilhelminischen Deutschland, das letztlich zum Ersten Weltkrieg führte, und endet noch lange nicht bei den sich auf den Marianen befindlichen amerikanischen Bunkern für die über Japan gezündeten Atombomben im Zweiten Weltkrieg.
Zwischenzeitlich geht es um Konsumtempel („Filmsets für kollektive Träume“) und Backsteinkirchen in Uruguay, darum, wie man Sportstadien in Konzentrationslager umfunktionieren kann (so geschehen während der argentinischen Militärdiktatur) und die Moderne als „Schrottplatz für architektonische Utopien“.
Auch inszenatorisch geht Emigholz nun einen Schritt weiter und offenbart dabei auch einen aus seinen Texten durchaus bekannten spöttischen Humor, etwa wenn direkt nach einer Tirade gegen die Kombination von Musik und Vorhersehbarkeit im Dokumentarfilm die elektronische Musik der Band Kreidler einsetzt und in einer zweifellos unvorhersehbaren Sequenz plötzlich tiefgekühlte Rinderhälften durch die Abflughalle eines Flughafens schweben. Mit „The Airstrip“ hat Emigholz für seine Filme neue narrative Strukturen des Erzählens entwickelt – und man darf gespannt sein, in welche Richtung sich sein filmisches Schaffen in Zukunft entwickelt.

Text: Lars Penning

Foto: Filmgalerie 451 & Heinz Emigholz

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „The Airstrip“ im Kino in Berlin

The Airstrip, Deutschland 2013; Regie: Heinz Emigholz; 108 Min.

Kinostart: Do,  02. Oktober 2014

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