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Aktuelles aus Cannes

Tim BurtonTim Burton (Foto), der Präsident der Wettbewerbsjury, ist gnädig. Nein, er würde es niemals jemandem antun, schon morgens um acht Uhr einen Film sehen zu müssen. Ob er weiß, dass die Journalisten, die sich an diesem Mittwoch Nachmittag im Pressekonferenzsaal des Festivalbunkers versammelt haben, um ihm und seiner Jury Fragen zu stellen, jeden Morgen schon um 8.30 ihre ersten Festivalpremieren sehen, und die Morgensonne durchaus genießen?
Nach dem Glamourauftritt von Cate Blanchett eine Stunde zuvor, die gemeinsam mit Russel Crowe (aber ohne  Regisseur Ridley Scott) den Cannes-Eröffnungsfilm „Robin Hood“ vorgestellt hatte, wirkte diese Pressekonferenz wie eine Arbeitsbesprechung, nicht besonders inspiriert und ohne große Überraschungen, nur manchmal, wenn Fragen nach dem Anteil weiblicher Regisseurinnen im Wettbewerb (null Prozent) oder dem Anglo-Eurozentrismus der Jury (fast 100 Prozent) auftauchten, wirkte das Team einigermaßen unsicher. Ansonsten das übliche: Nicht „Jury“, nicht „Juror“ wollen Tim Burton und seine Mitstreiter sein, sondern nur eine Runde von Cinephilen, die selbst ständig von anderen beurteilt werden und sich nun auf das Neue einlassen wollen, wie Burton emphatisch unterstrich – „We’re constantly being judged. We’re judged as judges“. Sein Regiekollege Shekhar Kapur, gemeinsam mit Kate Beckinsale, Giovanna Mezzogiorno, Alberto Barbera, Emmanuel Carrere, Benicio Del Toro, Alexandre Desplat und Victor Erice mit in der Jury unterstrich das nur: „We always search for something that doesn’t exist“. Kommentar Kate Beckinsale: „I just hope that it isn’t an insect“

Nicht ganz neu, aber dann doch immer wieder sehr erfrischend ist der Film, der am Abend den regulären Wettbewerb eröffnete. „Tournйe“ (On Tour), inszeniert von Mathieu Amalric, bekannt geworden als James Bond-Villan („Quantum of Solace“) und Akteur für Julian Schnabel („Schmetterling und Taucherglocke“) oder Arnaud Desplechin („Rois et Reine“). Seit Mitte der 80er Jahre inszeniert Amalric selbst als Regisseur auch kurze und lange Arbeiten, „Tournйe“ ist sein vierter Langfilm. Zum ersten Mal hat Amalric selbst eine Hauptrolle unter eigener Regie übernommen, und leitet nun als Theaterproduzent eine New Burlesque-Show durch französische Städte, immer in möglichst großem Abstand zu Paris, wo er Familie und Freunde zurückgelassen hat. Er ist ein Produzent ohne Macht, abwechselnd seelenruhig, wenn andere an seiner Stelle Panik bekommen würden, und dann wieder eine Szene später zum spontanen, maßlosen Agressionsausbruch fähig. Die Ohnmacht auf der Bühne mag freilich auch an seiner besonders selbstbewussten Truppe liegen. Die Burlesque-Künstlerinnen lassen sich von ihm wenig sagen („This is OUR show. It’s not for you“), sie sind die eigentlichen Stars des Films, mit passender Selbsteinschätzung ihres Status’ als Hohepriesterinnen der Sünde: „We entertain the masses like the Virgin Mary“. Amalric spielt mit dokumentarischen und inszenierten Elementen, sieht den Frauen in der Garderobe, auf der Bühne und den zahlreichen, anonymen Tourhotels in alltäglichen Situationen zu, und verlässt sich klug auf ihre Performer-Qualitäten. Sie sind allesamt amerikanische Professionistinnen, von Amalric für diesen Film gecasted. Die Beziehungen, die sich in diesem Universum ergeben, sind vom gleichen Selbstbewusstsein geprägt, das auch die Auftritte bestimmt. Ihre Shows sind von Frauen für Frauen gemacht, von den Männern zurück erobertes Terrain – und auch der Film gewinnt in seinen besten Momenten großen Witz aus der Begegnung von „Froschschenkel“ (Amalric) und blonder Bombshell (Mimi le Meaux), die sich ihre Liebe auch mit Ohrfeigen erobert.

Die Bürden der Vaterschaft, die Mathieu Amalric in „Tournee“ so konsequent abschüttelt, plagen auch den Helden des chinesischen Wettbewerbsfims „Rizhao Chongqing“ (Chongqing Blues), der auf „Tournee“ folgte. Die Geschichte eines Mannes, der nach jahrelanger Abwesenheit von seiner Ex-Familie, den Amoklauf seines Sohnes zu verstehen versucht, bleibt allerdings vom Innenleben der jugendlichen Figuren im Grunde so ausgeschlossen, wie der Vater von den Mittzwanzigern, die Regisseur Wang Xiaoshuai als autistische Generation charakterisiert. Interessanter als der Kulturpessimismus des Regisseurs sind die Realitätsmomente, die als Schmuggelware mit in den Bildern stecken, die Shopping-Mall-Szenen, die Freiluftkantinen, ein wummernder Technoabend in einer Großraumdisco, die trüben Himmel über der Großstadt Chongqing.
Das Festival musste in diesem Jahr viel Vorabkritik einstecken,  die dieser Film noch nicht entkräften kann. Die Tageszeitung Liberation zitiert in ihrem heutigen Festivaleditorial suffisant Stimmen, die die Auswahl als „Pantoffel-Wettbewerb“ charakterisieren, angesichts der neuen Filme von Olivier Assayas („Carlos“), Kiarostami  („Copie Conforme“) oder Kitano  („Outrage“) eine natürlich voreilige Kritik. Beunruhigender vielleicht, wie hier im selben Atemzug mit einer suffisant zitierten, anonymen Stimme die Berlinale als Referenz mit ins Spiel gebracht wird,  als eines der Festivals, an denen sich Cannes sonst nicht messen will: „Das ist eine Vintage-Auswahl – man könnte sagen Berlin, ja sogar Karlovy-Vary 1972“. To be continued …

Text: Robert Weixlbaumer

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