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Aktuelles Deutsches Kino

Greta M. hat eine Neuigkeit für ihre Freunde. Sie arbeitet jetzt nicht mehr als Architektin, sie telefoniert nun in einem Callcenter. Das ist zwar weniger gut bezahlt und deutlich weniger kreativ, aber es bewahrt sie vor der Arbeitslosigkeit. In ihrer Freizeit zieht sie immer noch durch Berlin und fotografiert die Gebäude dieser Stadt, und auch auf Partys geht sie weiterhin, nur fühlt sie sich dort manchmal ein wenig fremd. Menschen wie Greta M. gibt es viele in dieser Stadt, sie selbst aber existiert nur in einem Film. Er heißt „Die flexible Frau“, stammt von der Regisseurin Tatjana Turansky, lief eben auf der Berlinale und sucht nun einen Verleih. Wenn nicht alles täuscht, steht Greta M. als Figur nicht einfach für sich, sondern für mehr: für ein neues Grundgefühl in dieser Stadt, für einen Umbruch in ihrem Selbstverständnis. Die Generation, die so viel zu Berlins Weltruf als junge Metropole beigetragen hat, sieht sich gerade mit neuen Realitäten konfrontiert: Das Laboratorium der Stadt hat sich in einen Investmentpark verwandelt. Für die Leute zwischen 25 und 40 hat sich das besonders deutlich ausgewirkt. Und jetzt wird das plötzlich allenthalben sichtbar.
Es reicht zum Beispiel schon, sich ein paar aktuelle Filme anzusehen (man könnte eine ähnliche Geschichte auch aus Büchern herauslesen, und auch dem Theater sind diese Umstände nicht entgangen), und man wird bemerken, was los ist: „Alle anderen“ von Maren Ade, mit dem vor einem Jahr so vieles begann; „Schwerkraft“ von Maximilian Erlenwein, der im Januar in Saarbrücken den Max-Ophüls-Preis gewann; „Parkour“ von Mark Rensing, der gerade in den Kinos ist; „Mein halbes Leben“ von Marco Doringer, der in einer Wohnung in der Oranienstraße anfängt; oder auch Filme von Sebastian Schipper („Mitte Ende August“) oder Stefan Krohmer („Mitte 30“).
Es gibt Gesichter dieser neuen Generation, eines davon ist Nora von Waldstätten, die in diesem Jahr mehrfach zu sehen sein wird, ein anderes ist Marco Doringer, der sich mit entwaffnendem Witz selbst gefilmt hat. Lars Eidinger gibt diesen schwer auf den Punkt zu bringenden Umständen im Kino wie auf dem Theater immer wieder Gestalt, und auch Maren Ade versteckt sich nicht nur hinter der Kamera, sondern teilt das Leben der Stadt. Für die Midlife-Krise sind diese Leute zu jung, und von der Finanzkrise sind sie mangels großer Reichtümer nicht spezifisch getroffen worden. Krise ist vielleicht sogar ein zu starkes Wort. Es hat eine Ernüchterung stattgefunden, eine Perspektivkorrektur von einem ironisch gebrochenen, auf Vorläufigkeit beschränkten Leben zu einer Ankunft in der Gegenwart als „dem Punkt, an dem alles offen ist, dem Moment der größtmögli­chen Freiheit wie der größtmög­lichen Ungewissheit oder sogar Bedrohung“.
So stand es 2007 im Editorial des Filmmagazins „Revolver“, einer Plattform der Filmemacher der Berliner Schule, die ja gerade auch durch ihren unverstellten Blick auf die Realität charakterisiert ist. Einige der genannten Filme nähern sich dem an, andere wählen in ihrem Einsatz von Genreformeln und Spannungsdramaturgien einen anderen Zugang. Auf ihre Weise wollen sie aber alle ran an die Wirklichkeit, ohne vorgefertigte Konzepte oder Ideologien. Es herrscht eine Vorsicht vor dem Politischen, klug und resignativ zugleich. Vielleicht bilden aufgeklärte Verunsicherung und rhetorische Zurück­haltung die generationelle Gemeinsamkeit der Regisseure und ihrer Figuren. Das ist ziemlich reflektiert. Und ziemlich erwachsen.

Text: Stella Donata Haag

Lesen Sie den vollständigen Text im aktuellen tip 07/10 auf den Seiten 26-28.

Lesen Sie hier: Ein Porträt der Schauspielerin Nora von Waldstätten

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