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Alexander Kluge über „Deutschland im Herbst“

tip Wie haben Sie den Herbst 1977 erlebt, als Hanns-Martin Schleyer von der RAF entführt und ermordet wurde und sich in Stammheim Ensslin, Baader und Raspe töteten?

Alexander Kluge Es war eine verstörte Zeit. Niemand hätte in der Situation behaupten können, er hätte eine politische Übersicht, das hätten wir nicht geglaubt. Es gab die Befürchtung, dass es irgendwie zu einem Bürgerkrieg kommt und dass die Regierung etwas von dem, was sie beraten hat, und was wir uns natürlich sehr intensiv vorgestellt haben, wirklich ausführt und Inhaftierte erschießen lässt. Es gab ein Gefühl von Angst. Dass ich die Bonner Republik so gerne mochte am Ende, liegt
daran, dass diese Angst unberechtigt war.

tip Sie haben damals gemeinsam mit Fassbinder, Schlöndorff und anderen Filmemachern mit dem Film „Deutschland im Herbst“ auf diese Situation reagiert. War das der Versuch, Zeitgeschichte in Realzeit zu verfilmen?


Kluge Das kann man so sagen. Am Samstag haben wir uns unter dem
unmittelbaren Eindruck des Todes von Schleyer und der Toten von Stammheim versammelt, und am Montag hat Fassbinder angerufen und gemeldet, sein Beitrag zu dem Film sei fertig und auch schon geschnitten. Zu dem Zeitpunkt sind das Team von Schlöndorff und mein Team abgereist nach Stuttgart zur Beerdigung von Hanns-Martin Schleyer und zur Beerdigung von Gudrun Ensslin, Andreas Bader und Jan-Carl Raspe.

BaaderMeinhoffKomplex

tip Der Anfang und das Ende des Films zeigen diese beiden unterschiedlichen Beerdigungen. Es wirkt, als wäre die eine Beerdigung das Echo oder die Rückseite der anderen.


Kluge Alle inszenierten Trauerakte haben verwandte Muster. Als wir die Beerdigung von Schleyer filmten, gingen wir auch raus aus der Kirche, obwohl mich die Trauerfeier sehr bewegt hat. Aber es muss ja draußen auch noch etwas geben, die Welt ist ja noch da. Vor der Kirche sieht man, wie gerade ein Türke verhaftet wird, der sich mit seinem kleinen Gewehr eine Taube zum Essen schießen wollte, er weiß nichts von
der Trauerfeier für den Arbeitgeberpräsidenten. Das könnte von Helge Schneider erfunden sein, aber es ist nicht erfunden.

Die verschiedenen Wirklichkeiten existieren nebeneinander. Die Wirklichkeit ist die
erfinderischste Produzentin von Eulenspiegel-Szenen. Sie hört auch in
tragischen Situationen nicht auf, diese Vexierspiegel zu bilden. Das ist eine Form von objektiver Komik, die kann von uns nicht hergestellt werden. Wenn wir irgendetwas davon hervorheben würden, wäre es ein Fehler. Aber wenn es geschieht, muss man es auch zeigen. Diese Gleichzeitigkeit von Unleichzeitigem – das macht eigentlich das Medium
Film aus, das ist die Arbeit der Kamera und des Schnitts.

In der Kirche, in der Trauergemeinde sitzen der Bundeskanzler Schmidt, der Justizminister Vogel, die Witwe und die Söhne des Ermordeten zusammen. Die Frage steht im Raum, in welcher Weise haben diese Politiker mit der Kausalkette zu tun, die einen geliebten Menschen zu Tode gebracht hat.
Da denkt doch jeder an den Tod von Siegfried in den Nibelungen. Das ist eine tragische Situation, die über diesen einzelnen Moment hinausweist.

BaaderMeinhoffKomplex

tip Weshalb weist für Sie die einzelne tragische Situation über den Moment hinaus?


Kluge Es gibt keine Gegenwart. Die historischen Ereignisse haben un?ter?einander Verwandtschaft. Die Gegenwart besteht aus lauter Vergangenheiten und der Hoffnung auf Zukunft, also Wünschen, und aus dem, was der schweifende Sinn noch für möglich hält, Möglichkeitsformen. Wer nur den Moment sieht und seine Verbindungen zu den Wünschen und in die Vergangenheit zertrampelt, der macht einen schlechten Film. Dann macht die Absicht oder die Gier nach dem Effekt im Grunde die Wahrnehmung kaputt.

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