Kino & Stream

Alfred Holighaus und der Deutsche Filmpreis

Alfred Holighaustip Nazis, RAF-Terroristen und Stasi-Offiziere gehören unverbrüchlich zum Deutschen Filmpreis. In diesem Jahr findet man sie in „Kriegerin“ und „Barbara“. Können deutsche Filmemacher diese Themen am besten?
Alfred Holighaus Auf jeden Fall kommen deutsche Filme im Ausland besonders gut an, wenn sie in irgendeiner Form mit Untergang zu tun haben. Ob das nun der Führerbunker ist oder die DDR. Und jetzt bei der „Kriegerin“ geht es ja auch um den Untergang des Verfassungsschutzes. Das sind halt deutsche Themen. Man würde es den Filmemachern auch übel nehmen, wenn sie sich in Zeiten der Zwickauer Zelle ausschließlich mit romantischen Komödien schmücken würden.

tip Komödien gewinnen zudem selten eine Lola.
Alfred Holighaus Im deutschen Film geht es schon ernst zu, zumindest im deutschen Film, der sich um einen deutschen Kulturpreis bewirbt. Deswegen werden die Filme aber nicht gemacht. Und im letzten Jahr haben übrigens zwei Komödien gewonnen.

tip Von den zehn erfolgreichsten deutschen Filmen des letzten Jahres wurde keiner für den besten Film nominiert. Zufall oder Methode?
Alfred Holighaus Das ist Methode, um die Leute zu enttäuschen, die immer gesagt haben: Wenn nicht mehr ein staatlich bestelltes Gremium den Filmpreis vergibt, sondern die Deutsche Filmakademie, dann werden nur die zehn erfolgreichsten Filme gewinnen. Ist aufgegangen.

tip Wer von der Filmakademie nominiert wird oder sogar eine Lola gewinnt, bekommt auch staatliches Fördergeld. Das heißt: Eine private Organisation verteilt öffentliches Geld an den eigenen Berufsstand. Wie begründen Sie das?
Alfred Holighaus Der Deutsche Filmpreis ist ja seit 1951 eine Filmfördermaßnahme. Die Schwierigkeit bei der Gründung der Film­akademie vor achteinhalb Jahren war es, zu sagen: Wir wollen den Filmpreis wie überall auf der Welt selbst vergeben, wir wollen aber nicht die Fördergelder verlieren. Das wird immer der Knackpunkt in der Diskussion sein. Man muss dafür zwar über seinen ordnungspolitischen Schatten springen, bekommt aber eine Transparenz, die einmalig ist. Das Verfahren der Filmakademie ist wesentlich transparenter und auch gerechter als das alte Gremienverfahren, und das ist möglicherweise das Ungerechte daran.

tip Die Filmakademie wird vor allem wahrgenommen als die Einrichtung, die den Filmpreis verleiht. Warum gehen die anderen Aktivitäten der Akademie so unter?
Alfred Holighaus Weil die spezieller sind. In München fand gerade ein internes Werkstattgespräch mit Bully Herbig und 35 Filmschaffenden aus ganz Deutschland statt. Ein anderes Beispiel: Auf der Berlinale haben wir angefangen, die Urheberrechtsdebatte voranzutreiben. Aber das wird alles nicht um Viertel vor zehn im Fernsehen übertragen wie die Filmpreis-Gala. Der Filmpreis strahlt, aber unsere inhaltlichen Aktivitäten leuchten.

tip Das Erste zeigt die Gala zeitversetzt als Aufzeichnung. Ist der Filmpreis nicht reif für eine Liveübertragung?
Alfred Holighaus Wir sind bereit. Da muss man mal die Fernsehanstalten fragen. Das Alter kann es jedenfalls nicht sein. Das ist jetzt die 62. Verleihung, und mit 62 ist man eigentlich ideal für die Primetime am Freitagabend im Ersten. Das ist doch zielgruppengenau.

Fragen: Volker Gunske

Foto: Florian Liedel

Deutscher Filmpreis 2012
Bei der Verleihung am 27. April um 18.30 Uhr im Friedrichstadtpalast werden Preise in 15 Kategorien vergeben. Als Favoriten in der Kategorie „Programmfüllende Spielfilme“ gelten „Halt auf freier Strecke“ von Andreas Dresen und „Barbara“ von Christian Petzold, die beide auch in mehreren Spezialkategorien nominiert sind.

Ziemliche beste Filme – Das Lola-Filmfestival
In der Astor Lounge findet vom 12. bis 15. April das Lola-Filmfestival statt, bei dem alle elf nominierten Filme zu sehen sind. Zudem gibt es unter dem Titel „Lola Vision“ vier Publikumsgespräche. Alle Informationen unter www.deutscher-filmpreis.de

Die ARD zeigt am 27. April um 21.45 Uhr eine Aufzeichnung der Filmpreis-Gala.

Mehr über Cookies erfahren