Drama

„Alice und das Meer“ im Kino

Als Frau allein unter Seemännern: das nüchterne Meeres-Drama „Alice und das Meer“

Film Kino Text

Haben Seeleute wirklich eine Braut in ­jedem Hafen? Und wenn ja, was ist ­daran so erstrebenswert? Die bislang vor ­allem als Schauspielerin bekannte ­Regisseurin ­Lucie Borleteau geht diesen ­Fragen in ­ihrem ­ersten langen Spielfilm „Alice und das Meer“ in übertragener Weise nach. Denn ihr Film hat eine Heldin, die einen Beruf ausübt, in dem traditionell noch immer eher ­Männer ­arbeiten: Die 30-jährige Alice (Ariane ­Labed) ist Schiffsmaschinistin. Und als sie in ­dieser Eigenschaft auf dem Frachter Fidelio ­anmustert, weil ein Kollege auf See verstorben ist, ist sie folgerichtig auch die einzige Frau an Bord.

An Land hat Alice eine frische Liebesbeziehung mit dem Norweger Felix (Anders Daniel­sen Lie) – noch sprühen bei jedem Treffen zwischen den beiden die Funken. Doch zur See zu fahren, das heißt: Fernbeziehung über ­Monate hinweg, auf Reisen, die von Börsenkursen bestimmt quer über alle Ozeane ­führen und von denen man nicht genau weiß, wann und wo sie enden. Kann man in dieser Zeit die Bedürfnisse der Seele und des Körpers einfach voneinander trennen? Zwar heißt das Schiff Fidelio, doch mit der Treue, vor allem der ­sexuellen, nehmen es die Seeleute nicht so ­genau. Auch Alice nicht.

Es ist eine sehr eigene und auch ein wenig mysteriöse Welt, die Lucie Borleteau hier recht nüchtern inszeniert, ein Alltag der unausweichlichen Nähe bei gleichzeitiger Distanz. Eine Welt, in der Pornogucken und Karaokesingen den Aberglauben und die Ängste nur notdürftig übertünchen. In einer sexuell aufgeladenen Atmosphäre wird gefeiert und ­gesoffen, und anfangs weiß man als ­Zuschauer im Wortsinn nicht so genau, wohin diese ­Reise gehen soll. Doch Alice ist selbstbewusst und komplett selbstbestimmt: Die sexuelle Belästigung des Chefmaschinisten wehrt sie ­souverän ab, die Einladung in die Koje des verheirateten Kapitäns Gaël (Melvil Poupaud), mit dem sie bereits während ihrer Kadettenzeit eine Liebe verband, nimmt sie hingegen an. Zugleich freut sie sich noch immer über jeden Brief von Felix aus dieser anderen Welt, dem Festland.

Doch man kann eben nicht alles haben, das wird immer deutlicher, vor allem als Alice das Tagebuch des verstorbenen Kollegen liest. Der galt als einer, der nie etwas anbrennen ließ, der überall fröhlich feierte und tatsächlich eine besagte Braut in jedem Hafen zu haben schien. Doch das Tagebuch enthüllt etwas anderes: Beziehungsunfähigkeit, eine große Einsamkeit und die Angst, im Leben komplett versagt zu haben. Ein anderer Kollege sagt einmal zu Alice: „Du hast Glück, auf dich ­wartet jemand. Ich habe das nie hingekriegt. Frauen müssen unterhalten werden. Ich kann das an Bord, aber nicht an Land.“
Doch wie lange wird die Beziehung von Alice und Felix halten? Zumal Felix von ihrem Verhältnis mit dem Kapitän Wind bekommen hat, enttäuscht und verletzt auf Distanz geht und sich Bedenkzeit erbittet. Das wiederum ­erschüttert Alice – doch kaum hat sie das ­Verhältnis zu Gaël beendet, liegt schon wieder ein anderer Kollege in ihrer Koje. Land und Meer scheinen unvereinbar. Am Ende wird die Fidelio verschrottet. Ein Symbol? Das Ende der Odyssee von Alice?

Fidelio, l’odyssée d’Alice (OT) F 2014, 97 Min., R: Lucie Borleteau, D: Ariane Labed, Melvil Poupaud, Anders Danielsen Lie, Start: 22.9.

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