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„Alles, was wir geben mussten“ im Kino

Alles, was wir geben mussten

Es sieht aus wie ein britisches Internat: Streng ermahnt Leiterin Miss Emily (Charlotte Rampling) die Kinder, sich künstlerisch auszudrücken, achtzugeben auf ihre Gesundheit und das Gelände nicht zu verlassen. Das klingt fast schon zu fürsorglich, und auch der Hinweis, nie ihre täglichen Medikamente zu vergessen, passt kaum zum ländlichen Idyll und dem Bild junger, wohlerzogener und kerngesunder Kinder. Bald konkretisiert sich der Zweifel, genährt auch durch ständige medizinische Kontrollen und schale Blicke gelegentlich auftauchender Lieferanten: Wie eine junge Lehrerin den Kleinen erklärt, sind sie Klone, geschaffen einzig zu dem Zweck, aufzuwachsen, um für zwei, drei, vielleicht auch vier Transplantationen als Spender zu dienen. Danach haben sie ausgedient, alt wird von ihnen niemand werden.
Langsam und mit Fingerspitzengefühl führt Regisseur Mark Romanek in eine vertraute und doch völlig fremde Welt. Auf Grundlage des gleichnamigen Romans von Kazuo Ishiguro entwickeln er und Drehbuchautor Alex Garland eine unaufgeregte und umso verstörendere, düstere Zukunftsvision. Als emotionaler Bezugspunkt dienen drei der Kinder, denen der Film über viele Jahre folgt: Der eher schüchterne Tommy (Andrew Garfield) versteht sich eigentlich bestens mit der grüblerischen Kathy (Carey Mulligan), doch der Anziehungskraft ihrer abenteuerlustigen Freundin Ruth (Keira Knightley) kann er sich nicht entziehen. Im Lauf der Zeit entwickelt sich eine wacklige Freundschaft, lange bleiben die drei zusammen, bald spenden Tommy und Ruth, während Kathy als „Begleiterin“ ihresgleichen in die Krankenhäuser und die OPs bringt. Der freundliche Gleichmut, mit dem sich die lebenden Organbanken lange in ihr Schicksal fügen, setzt einem schwer zu. Denn letztlich geht es in „Alles, was wir geben mussten“ um eine negative Utopie, in der das eigentlich Menschliche auf dem Spiel steht. Wenn sich Tommy und Kathy spät an ihre Liebe klammern und an die Idee, ihre Zuneigung, ihre Kunst, ihre Seelen würden ihnen mehr Lebenszeit verschaffen, ist das erschütternd, todtraurig und ganz wundervoll.

Text: Thomas Klein

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Alles, was wir geben mussten“ im Kino in Berlin

Alles, was wir geben mussten (Never Let Me Go), Großbritannien/USA 2010; Regie: Mark Romanek; Darsteller: Carey Mulligan (Kathy), Keira Knightley (Ruth), Andrew Garfield (Tommy); 103 Minuten; FSK 12

Kinostart: 14. April

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