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„Alpen“ im Kino

Alpen

Der gutbürgerliche Bungalow mit den großen Fenstern muss aus einer Zeit stammen, als es der griechischen Mittelschicht noch besser ging. Verzweifelt wirft sich eine Frau gegen die Scheiben. Will unbedingt hinein in dieses Aquarium der Geborgenheit, aus dem sie Stunden zuvor vertrieben worden war. Weil eine andere, Jüngere, Sportlichere sich jetzt als Tochter des Hauses an den Vater schmiegt. Doch die Tochter ist unlängst an den Folgen eines Verkehrsunfalls gestorben, und auch diese andere ist nur ein Stellvertreter und Mitglied derselben obskuren Geheimorganisation, die sich „Alpen“ nennt. Geleitet wird diese von einem kontrollsüchtigen Rettungssanitäter, der das schwer verletzte junge Mädchen noch im Krankenwagen nach seinen Vorlieben vom Sport bis zum Lieblingsschauspieler befragt hatte, eingeleitet von der sachlichen Feststellung: „Vermutlich werden Sie sterben.“
Solange sie noch atmet, läuft die Zeit. Informationen müssen gesammelt werden, damit die Leute von „Alpen“ später ihren speziellen Service anbieten können: nämlich gerade Verstorbene oder auf anderer Weise Verschwundene für einen gewissen Zeitraum zu ersetzen, so den Abschied zu erleichtern. Dass bei diesen Transaktionen Geld fließt, verleiht dem Unternehmen einen therapeutischen Anstrich und maskiert die Interessen der Gruppenmitglieder vor ihnen selbst. So wird ein Gymnastiktrainer zum alten Freund eines untröstlichen Mannes, seine Schülerin zur verstorbenen Enkelin eines anderen, und eine Krankenschwester spielt die inzwischen in ihre Heimat zurückgekehrte kanadische Exfrau eines Lampenladenbesitzers. AlpenDabei folgt die Gruppe strengen, vom Anführer aufgestellten Regeln, die eine persönliche Bindung an die Situation, in die sie sich begeben, verhindern soll. Doch diese Maxime ist nicht durchzuhalten, haben doch alle namenlos bleibenden Gruppenmitglieder auch so ihre Probleme und agieren aus einem tiefen Defizit und der entsprechenden Sehnsucht heraus: Mont Blanc, der Anführer, sucht Macht und Anerkennung, Monte Rosa, die Krankenschwester, will wahrgenommen und begehrt werden, die Sportgymnastin endlich zu Popmusik tanzen, und ihr Trainer sehnt sich nach einem Haarschnitt. Der Film lässt keinen Zweifel daran, dass die Ernsthaftigkeit und Regelversessenheit des Gruppenanführers paranoid ist, größenwahnsinnig und hilflos zugleich wie schon seine Begründung des Gruppennamens: Die Berge der Alpen seien die höchsten und könnten von keinem anderen Berg ersetzt werden, während sie doch alle ersetzen könnten. Für sich reklamiert er den Namen des höchsten Berges, Mont Blanc. Solche Momente provozieren beim Zuschauer ein unsolidarisches Lachen, das sich allerdings postwendend unbequem verhakt, da der Film in einer Art hyperrealistischer Ironie stockernst weitererzählt und hinter der Pointe immer mindestens ein Abgrund lauert.
Die Fähigkeit zur Inszenierung des Unheimlichen im Sinne Freuds als entrückt Vertrautes hat Regisseur Yorgos Lanthimos schon 2009 in seinem Familiendrama „Dogtooth“ bewiesen. Zusammen mit seiner Kollegin Athina Rachel Tsangari, deren Film „Attenberg“ gerade hochgelobt in den Kinos läuft und deren Produktionsfirma Haos „Alpen“ produziert hat, zählt er zu einer neuen Generation des griechischen Kinos, die das Auseinanderbrechen der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Realität in absurde Parabeln packt. In ästhetisch präziser und schnörkelloser Bildsprache erzählen sie von fundamentaler Verunsicherung und Entfremdung, klar zeitgenössisch und gleichzeitig das historisch Konkrete transzendierend. Dabei gelingen Lanthimos in seinem dritten Spielfilm Szenen von unmittelbarer ikonischer Wucht. Jenseits psychologischer Plausibilität eröffnet sich darin eine ganze Bandbreite interpretatorischer Anschlussmöglichkeiten, vom zornigen Blick zurück auf die verlorenen fetten Jahre bis zum strukturellen Schmerz des nur stellvertretend (er-)lebenden Kinozuschauers.

Text: Stella Donata Haag

Fotos: Rapid Eye Movies

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Alpen“ im Kino in Berlin

Alpen (Alpeis), Griechenland 2011; Regie: Yorgos Lanthimos; Darsteller: Aggeliki Papoulia (Krankenschwester / Monte Rosa), Aris ­Servetalis (Rettungssanitäter / Mont Blanc), Johnny Vekris (Trainer / Matterhorn); 93 Minuten; FSK 12

Kinostart: 14. Juni

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