Drama

„American Honey“ im Kino

Liebe und Hoffnungslosigkeit: Die kluge englische Filmemacherin Andrea Arnold entwirft in „American Honey“ einen Abgesang auf das „Land der 1.000 Möglichkeiten“

Foto: UPI

Star (Sasha Lane) ist gerade einmal 18 Jahre alt und hat schon nichts mehr zu verlieren. Das Essen für sich und die zwei kleineren Geschwister klaubt sie aus dem Müllcontainer auf dem Parkplatz eines ­Supermarktes, zuhause wartet ein Vater, der sie sexuell belästigt, die Mutter scheint sich schon vor längerem aus den Staub gemacht zu haben. Da verwundert es nicht, wenn Stars Aufmerksamkeit geradezu magnetisch von einem Van voller junger Leute angezogen wird, die, begleitet von lauter Musik, übermütig springend wie Heuschrecken in den Supermarkt einfallen. Ein intensiver Blickkontakt entsteht zwischen Star und Jake (Shia LaBoeuf), der sich tanzend auf ­einen Kassentresen geschwungen hat; dazu singt Rihanna immer und immer wieder den Refrain eines ihrer Hits: „We found love in a hopeless place.“

Es ist das treffende Motto von „American Honey”, einem Film, in dem die Musikauswahl die Gefühle der Figuren meist besser ausdrückt, als sie sie in Worten artikulieren könnten. Regisseurin Andrea Arnold verwendet Rihannas Hit sogar noch ein zweites Mal, viel später, als sich Star längst dieser kleinen, faszinierenden Drückerkolonne angeschlossen hat, die versucht, Zeitschriftenabos zu verticken. Da setzt die taffe Chefin Krystal (Riley Keough) die Mädchen der Gruppe an einem Sammelplatz für Ölfeld-Arbeiter ab, die auf ihren Transport warten, und der Song setzt die jungen Frauen wie von Zauberhand fröhlich tanzend in Bewegung. Für ein paar Sekunden entsteht der grandiose Moment einer von der konkreten Situation völlig abgelösten puren Lebensfreude. Als sich die Autotür schließt und die Musik verebbt, ist auch die Magie verflogen. Dann stehen die Mädchen da in ihren von Krystal extra für diesen Anlass ausgesuchten White-Trash-Klamotten, und die Arbeiter halten sie für Prostituierte.

Diese Art von magischem Realismus definiert den Inszenierungsstil der britischen Autorin und Regisseurin Andrea Arnold, die mit „American Honey“ ihren vierten und den ersten in Amerika gedrehten langen Spielfilm vorgelegt hat. Getragen wird der Film dabei von der Offenheit, der Naivität und der ­trotzigen Verletzlichkeit, mit der Star (deren Darstellerin Sasha Lane zuvor keinerlei Schauspielerfahrung hatte) dieser für sie neuen Welt begegnet – den sich mit Drogen, Alkohol und rituellen Prügeleien betäubenden Kollegen ebenso wie den Menschen, die sie auf ihrer Suche nach Kunden trifft.

Einen Plot im eigentlichen Sinn hat „American Honey“ nicht, da gibt es lediglich diese täglichen Fahrten zu immer gleich aussehenden Motels und zu den Einsatzorten der Gruppe in ebenfalls immer gleich aussehenden Vororten in Amerikas mittlerem Westen. Nur, dass Krystal – entsprechend der kapitalistischen Logik, dass es egal ist, wem man sein Geld abknöpft – stets sehr unterschiedliche soziale Gruppen als potenzielle Kunden aussucht: Reiche, Arme, Trucker, Ölfeld-Arbeiter.

Und hier spürt man dann auch den ­gleichermaßen faszinierten wie befremdeten Blick der europäischen Regisseurin auf die immer weiter auseinander driftende amerikanische Gesellschaft. Gegen Ende des Films steht Star in einer Gegend, die jener gleicht, aus der sie selbst stammt: Eine Mutter schläft ihren Rausch aus, der Vater ist weg, der Kühlschrank leer. Und ein kleines Mädchen singt ihr „I Kill Children“ von den Dead Kennedys vor: „I kill children. I love to see them die. I kill children. And make their mamas cry!“

Doch „American Honey“ ist kein Sozialdrama, überhaupt entzieht sich der Film jeder ­gängigen Genreklassifizierung. Nicht einmal ein Roadmovie könnte man diesen Film ­nennen, dessen Reisen schlicht nirgendwohin gehen und dessen klassisches 4:3-Bildformat sich sowieso nicht sonderlich für die Horizontale in Amerikas weiten Landschaften eignet – dafür umso besser für den quirligen Blick auf sich ständig in Bewegung befindende Protagonisten.
Was „American Honey“ transportiert, ist ein Gefühl: den Wunsch nach einer Zukunft, und sei sie noch so bescheiden, und das Verlangen, irgendwo dazuzugehören. Die Liebe, die sich zwischen Star und Jake entwickelt, ist dabei so ambivalent wie vieles in diesem Film. Irgendwann bekommt Star von ­Krystal erklärt, dass sie Jake für die Rekrutierung neuer Mädchen bezahle: „Er schläft mit ihnen allen und sie bedeuten ihm nichts.“ Doch als Zuschauer weiß man das besser, man hat die Leidenschaft und die Eifersucht gesehen, mit der sie sich begegnen, sowie das vorsichtige Teilen der Lebensträume. Jake hat ihr seinen Schatz aus geklautem Schmuck gezeigt, der ihm zu einem kleinen Häuschen im Wald verhelfen soll, und Star hat von ihrem Traum berichtet, vielleicht einen Trailer zu besitzen.

Das hatte sie auch schon einmal einem LKW-Fahrer erzählt; da sitzen die beiden in seinem Truck und singen zum Radio mit: „Dream Baby Dream“, natürlich in der Version von Bruce Springsteen, die zu Truckern auch besser passt als die gnadenlos tuckernde Rhythmusmaschine des Originals von ­Suicide. Man mag mit Recht daran zweifeln, dass Star und Jake ihre Träume tatsächlich verwirklichen können. Aber Träume ­gehören eben zu den wenigen Dingen, die auch in Amerika nichts kosten: Dream Baby Dream.

American Honey GB/USA 2016, 162 Min., R: Andrea Arnold, D: Sasha Lane, Shia LaBeouf, Riley Keough, Start: 13.10.

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