Drama

„An Elephant Sitting Still“ im Kino

Episches aus China: ein Universum der Amoral und des Egoismus

CHU Yanhua/ HU Yongzhen/ Arsenal Institut

Eine Begebenheit aus der nordostchinesischen Provinz. Bei einer Rangelei stößt Wei Bu einen Jungen aus seiner Klasse eine ­Treppe hinunter – mit (vielleicht) tödlichen Folgen. Er muss abhauen, der Bruder des Schwerverletzten hinterher, es gibt aber noch eine Menge zu erledigen an einem langen Tag auf Wegen durch die Stadt.

Mit einer extrem involvierten Kamera und starken visuellen Akzenten (viele wichtige Dinge bleiben in der Unschärfe oder außerhalb des Bilds) setzt Regisseur Hu Bo in seinem ersten (und leider auch einzigen) Film auf eine klassische Dramaturgie der Durchquerung einer sozialen Landschaft. Die Wohnsilos der neuen (unteren) Mittelschicht in China erweisen sich als Zellen, in denen desolate Familien den Ausbruch ihrer Kinder provozieren. Der Elefant, auf den Hu Bo mit dem Titel seines epischen Films verweist, sitzt angeblich in der Stadt Manzhouli und zeichnet sich eben ­dadurch aus, dass er einer chaotischen Welt mit Reglosigkeit begegnet.
Für Wei Bu wird diese Weltdistanz zu einem Sehnsuchtsmotiv. Im Verlauf der fast vier Stunden des Films trifft er eine Reihe von ­Figuren: einen alten Mann, der das Gefühl hat, abgeschoben zu werden; eine Schülerin, die sich mit einem älteren Mann einlässt; und ­einen Ganove, der Zeuge wird, wie sich ein Freund das Leben nimmt. Der Gauner hatte eine Affäre mit der Frau des Selbstmörders. Für den Regisseur wurde dieses intensive Meisterwerk, in dem das moderne China als ein Universum der Amoral und des Egoismus erscheint, zu seinem Testament: Er nahm sich im Oktober 2017 das Leben.

An Elephant Sitting Still China 2018, 230 Min., R: Hu Bo, D: Zhang Yu, Peng Yuchang, Wang Yuwen, Start: 15.11.

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