• Kino & Stream
  • Im Kino: Andrzej Wajdas „Das Massaker von Katyn“

Kino & Stream

Im Kino: Andrzej Wajdas „Das Massaker von Katyn“

Katyn ist der Name eines Ortes in der Nähe des westrussischen Smolensk, wo im April und Mai 1940 über 20.000 polnische Staatsangehörige von Agenten des sowjetischen NKWD erschossen und in Massengräbern verscharrt wurden. Die Ermordeten waren zum größten Teil Offiziere, aber auch Intellektuelle, Unternehmer, Grundbesitzer und Priester. Es war das offensichtliche Ziel dieser Klas­sensäuberung, Polen dauerhaft von der politischen Landkarte Europas zu entfernen.
Die Handlung des Films setzt Mitte September 1939 ein, als zwei Wochen nach dem deutschen Überfall auf Polen die Rote Armee von Osten her in das Land einrückt, um die der UdSSR im Ribbentrop-Molotow-Pakt zugeteilten Gebiete zu besetzen. In Verschränkung der Zeiten und Orte wird die Geschichte der Opfer vornehmlich als Geschichte der Angehörigen erzählt, als Warten und Bangen und Aushalten. Aushalten müssen die Polen vor allem die Lüge, denn der Massenmord wird zuerst 1943 von den deutschen Besatzern im Propagandakampf gegen die Sowjetunion instrumentalisiert, dann nach dem Krieg vom Moskauer Sieger zurückdatiert und den Nazis ange­las­tet. Nach dem Ende der UdSSR ringt sich der russische Präsident Jelzin endlich zu einer Entschuldigung durch, doch die russische Mi­litärstaatsanwaltschaft stellt im Jahr 2004 die Untersuchung der Vorgänge mit der Begründung ein, es handele sich nicht um einen Genozid.
Die Wahrheit über Katyn war und ist eine Waffe. Altmeister Wajda wurde in Polen gefeiert für seinen düsteren Film, dessen Irrlichtern zwischen statuarischer Heroisierung und nervöser Suche nach dem richtigen Ton durch das dunkle Pathos der Musik von Krzysztof Penderecki dramatisch überhöht wird. Handlungstragende Figuren tauchen auf, nur um kurz darauf wieder zu verschwinden, Opfer des Terrorapparates oder der Inszenierung. Dieses Erzählen in Fragmenten geht auf Kos­ten der psychologischen Plausibilität wie der historischen Differenzierung. Doch Wajda, dessen Vater zu den Opfern zählte, mag es um den großen metahistorischen Bogen gegangen sein, liegt in dieser Rhetorik der Diskontinuität doch eine Allegorie auf die polnische Geschichte.

Text: Stella Donata Haag

tip-Bewertung: Annehmbar

Orte und Zeiten: „Das Massaker von Katyn“ im Kino und Berlin

Das Massaker von Katyn (Katyn), Polen 2007; Regie: Andrzej Wajda; Darsteller: Maja Ostaszewska (Anna), Artur Zmijewski (Andrzej), Andrzej Chyra (Jerzy); Farbe, 118 Minuten

Kinostart: 17. September

Mehr über Cookies erfahren