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Ang Lee über die Dreharbeiten von „Life of Pi“

Life of Pi

Doch die Distinktion zwischen persönlichem Glauben und organisierter Religion wird als ewig diskutiertes Thema glücklicherweise nur gestreift beim folgenden Abenteuer, das mit einem Taifun beginnt, der einen Ozeandampfer in den Abgrund reißt. Zurück auf offener See bleibt allein der plötzliche Vollwaise Pi – zusammen mit ein paar Tieren, die nach Amerika überführt werden sollten. „Ich wollte keinen Film für ein Arthouse-Publikum machen, das sich speziell fühlt und dauernd grübelt, sondern den Mainstream erreichen und trotzdem dem Buch gerecht werden“, sagt Lee.
In einem Kinojahr weithin gelungener Verfilmungen angeblich unverfilmbarer Bücher („Cloud Atlas“, „Cosmopolis“, „On the Road“) ist Ang Lee mit „Life of Pi“ tatsächlich die unwiderstehlichste Adaption geglückt – trotz schwierigster Voraussetzungen. Über vier Jahre hat er daran gearbeitet, die in langen Flashbacks erzählte Geschichte mit unfassbarem (magischen) Realismus auf die Leinwand zu bringen. Selbst wenn man weiß, dass Lee monatelang in einem Wassertank in Taiwan drehte, um halbwegs die Elemente zu kontrollieren, zweifelt man keine Sekunde an der Macht entfesselter Gezeiten, an fliegenden Fischschwärmen oder geheimnisvoll schillernden Inseln am Horizont. Und auch wenn sie als blinde Passagiere an Deck des Rettungsbootes unmöglich echt sein können, ist die digitale Illusion so perfekt und gleichsam anrührend, dass auch die Vierbeiner so klare Charakterzüge entwickeln wie ihr Dompteur und Beschützer wider Willen.
Life of Pi„Es heißt immer, dass man nicht mit Wasser, Tieren oder Kindern arbeiten sollte“, seufzt Lee, „und ich kann das nur bestätigen. An manchen Tagen arbeiteten wir zwölf Stunden, ohne am Ende die nötigen Motive geschafft zu haben, und es gibt einige Bilder, die ich gern im Film gehabt hätte, aber einfach nicht geschafft habe. Immerhin: Am Ende war es genug für einen Film.“ Das kann man wohl sagen: Es gibt in „Life of Pi“ Sequenzen von solch außerweltlicher Schönheit und vermeintlicher Leichtigkeit, dass sie alles in den Schatten stellen, was Hollywood sonst so aus den Computern rausholt. Ein gespenstisch illuminiertes Schiff, das auf den Grund des Ozeans gleitet; ein auftauchender Überraschungsbesuch in finsterer Nacht – die Einheit zwischen visuellem Wunder und narrativer Dramatik rechtfertigt wahrlich ein überstrapaziertes Wort: „Life of Pi“ ist atemberaubend, nicht nur für den erschöpften Regisseur. Und ebenso wie Scorseses „Hugo“ ein leuchtendes Fanal dafür, dass die 3D-Technik ihr nervtötendes Element verliert, sobald sie ein Regisseur organisch integriert, statt bloß Effekte auszustellen.
„Ich finde nicht, dass man 3D- und 2D-Filme überhaupt miteinander vergleichen kann. Das wäre so, als wollte man Bildhauer und Maler auf eine Stufe stellen“, sagt Ang Lee, wenn man ihn auf seinen Schlüssel zum Stoff anspricht. Lange quälte er sich mit der Adaption von Martels aus der Sicht des Protagonisten erzähltem Roman herum, bevor ihm die Idee kam, es mit einer zusätzlichen Dimension zu versuchen. Die 3D-Optik dient dazu, die Geschichte zu öffnen, „eine alberne Idee, an die ich irgendwann zu glauben begann und wegen der ich das Filmemachen neu erlernen musste“. Von Kameras „so groß wie Kühlschränke“ erzählt Lee und von kleinen Lichtreflexionen, die eine groß inszenierte Szene sofort ruinieren können.
Doch während er kopfschüttelnd all die „Pi“-Probleme Revue passieren lässt, wird auch klar, dass Lee gar nicht weiter Filme drehen könnte ohne diesen Antrieb, einen Berg oder zwei zu erklimmen mit jedem Film. „Ich betrachte meine Karriere als ständig verlängerte Filmschule und kann nur arbeiten, wenn mich etwas tief im Bauch trifft“, schließt er, „und bei 3D sind wir alle noch am Anfang – die Sprache der Mise en Scиne muss jeder Regisseur hier ganz aufs Neue erlernen.“

Text: Roland Huschke

Fotos: 2012 Twentieth Century Fox

„The Life of Pi“ startet Mittwoch, den 26. Dezember 2012 in den deutschen Kinos.

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Life of Pi“ im Kino in Berlin

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