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Ang Lee über die Dreharbeiten von „Life of Pi“

Ang Lee/Life of Pi

Es ist weit nach Mitternacht, als sich Ang Lee endlich hinsetzen und mal tief durchatmen kann. Stunden zuvor eröffnete „Life of Pi“, die mit Abstand komplizierteste und teuerste Produktion seiner Karriere, vor zweitausend herausgeputzten Gästen des 50. New York Filmfestivals. Ein Prestige-Slot, angemessen als Würdigung für das Gesamtwerk des Wahl-New-Yorkers – auch wenn Lee darin keinen Heimvorteil sehen möchte und vorher mit den Nerven am Ende war wie vor jeder Weltpremiere. Doch mit der stehenden Ovation des Feingeister-Publikums ist die Tortur des sanften Taiwanesen noch nicht beendet. Bei der Party im holzgetäfelten Privatclub der Harvard Universität, der sich über vier Stockwerke erstreckt, machen ihm Produzenten wie Scott Rudin oder Kollegen wie die Coens ihre Aufwartung. Komplimente, Schulterklopfen, Anstoßen mit Champag­ner, dankbares Lächeln des Regisseurs – und schon wird er sanft zum nächsten Gast geschoben, der ihn mit Bewunderung überschütten möchte.
„Es war schrecklich“, sagt Lee anderntags und fixiert in seiner Hotelsuite mit erschöpftem Blick einen Punkt irgendwo über dem Central Park. Natürlich, die Erleichterung sei groß, dass seine Adaption von Yann Martels 2001 erschienenem Überraschungs-Bestseller „Schiffbruch mit Tiger“ Anklang bei Lesern wie Nichtlesern des Romans finde. Auch die mit dem Abspann einsetzenden Oscar-Spekulationen erfüllen ihn sechs Jahre nach dem Regie-Sieg für „Brokeback Mountain“ mit Dankbarkeit. „Aber umzugehen habe ich mit diesen Situationen noch immer nicht gelernt, und ich fühle mich sehr unfrei, wenn ich ins Rampenlicht treten und Erwartungsdruck begegnen muss. Künstlerische Kriege an Sets kann ich führen – nach Fertigstellung eines Films aber überwiegt meine Unsicherheit und ich möchte Projekte am liebsten bald weit hinter mir lassen, um empfänglich für neue Inspiration zu sein.“
Life of PiKoketterie ist das nicht. Bei vielen vorangegangenen Begegnungen konnte man sich bei Ang Lee stets auf zweierlei verlassen: dass er mit leiser Stimme und viel Demut über seine Arbeit sprach, unterbrochen manchmal vom scheuen Lächeln, wenn er einen Scherz wagte. Doch ungleich präsenter war ein gewisser Schmerz, der Lee als lupenreinen Auteur ausweist. Als einen Mann, der sein Leben und seine Emotionen so vollständig in Filme steckt, dass er fast schutzlos wirkt, wenn er mit ihnen fertig ist. Noch heute jagt ihn der öffentlich verprügelte „Hulk“ in seinen Träumen, erzählt er, und noch immer verzieht der 58-Jährige peinlich berührt das Gesicht, wenn er an die Intimität der Sexszenen in „Gefahr und Begierde“ denkt, zu deren Inszenierung er sich überwinden musste.
„Jeder Film, den ich drehe, wird zum Teil meines Schicksals“, sagt Lee, „und dabei überwiegt oft das Gefühl der Machtlosigkeit, wenn ich mit meinem Tiger im Nacken durch das Meer des Filmemachens treibe.“ Und was für ein Tiger! In „Life of Pi“ hat er gar einen Namen – Richard Parker – und steht allegorisch für bewusste oder verdrängte Ängste, denen sich zu stellen eine sensible Seele den Mut eines Raubtierbändigers braucht.
Auch der junge Inder Pi Patel (Suraj Sharma) testet zu Beginn des Films seine Überwindungskraft, als er sich im Zoo des Vaters zum ersten Mal allzu vertraulich dem Bengalischen Tiger nähert, der ihn bald bei einer 227 Tage währenden Odyssee in einer Nussschale auf offener See begleiten wird. Pi ahnt hier noch nicht, welche Proben die Götter für ihn vorgesehen haben – ein übermächtiger Haufen Götter zudem, denn er schätzt Hinduismus, Christentum und Islam gleichermaßen.

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